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Alles echt wahr!

Es ist ja nicht so, dass es ein neues Phänomen wäre. Seien wir ehrlich, gelogen wurde schon immer. Selbst von denen, die die Einhaltung der zehn Gebote schon allein von Berufs wegen penibel hätten beachten sollen - ich erinnere nur an die berüchtigte „Konstantinische Schenkung“. Sie erinnern sich, bei diesem Urkunden-Fake aus dem Mittelalter ging es, wie das so häufig bei Fälschungen der Fall ist, um Geld, Macht und Oberherrschaft - und zwar, wir Heutigen sind auch nicht die Ersten, die global denken - weltweit und für alle Zeiten. Neu ist doch eigentlich nur, dass man es jetzt nicht mehr genierlich zu vertuschen versucht, wie seinerzeit die Katholische Kirche, die selbst, als sie nicht mehr abstreiten konnte, dass die Urkunde eine Fälschung ist, treuherzig behauptete, die Urkunde sei zwar falsch, die Schenkung aber habe es gegeben, jawoll! Fast genauso treuherzig ist doch die „alternative truth“ - man gibt der Lüge einfach einen schicken neuen Namen und schon ist man aus dem Schneider. Ich bin ja eigentlich gegen den massenhaften Gebrauch von überflüssigen Anglizismen beziehungsweise Amerikanismen, aber in diesem Fall muss es sein - Ehre, wem Ehre gebührt!

Man läuft ja heutzutage echt Gefahr, rein gar nichts mehr glauben zu wollen. Doch wie weiß schon der Dichter „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Das findet sich in diesem speziellen Fall meist auf den hintersten Seiten der Publikationen und es ist hundertprozentig Verlass darauf, believe me!, denn: Die Sterne lügen nicht! Glauben Sie nur noch dem Horoskop, dann können Sie gar nichts verkehrt machen, ehrlich. Beispiel gefällig? Also, wenn Sie zum Beispiel Schütze sind, so heißt es da: „Bringen Sie Herzlichkeit und Freundlichkeit zum Ausdruck. Zeigen Sie ruhig, was in Ihnen steckt.“ Wenn Sie als Schütze allerdings gerade eine ganz schlechte Phase haben und Ihnen alle Gäule durchzugehen drohen, was bei anderen womöglich nicht ganz so gut ankommt, ist das Zeigen, was in einem steckt, vielleicht nicht ganz die brillante Idee. Dann nehmen Sie doch einfach das Horoskop für die Fische: „Endlich mal zur Ruhe kommen! Vielleicht sollten Sie diese Phase mal nur für sich genießen.“ Genau, kommen Sie mal runter, warum die Umwelt mit Ihrer Übellaunigkeit belästigen, genießen Sie sie ganz für sich. Sehr hilfreich finde ich auch das Horoskop für den Stier: „Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, ob Ihr Beruf tatsächlich auch Ihre Berufung ist?“ 

Weshalb ich das hilfreich finde? Weil man mit der Berufswahl gar nicht heikel genug sein kann. Ich erkläre Ihnen sofort, was ich meine: Da ich mich nicht ausschließlich auf die Lektüre des Horoskops in unserer Fernsehbeilage beschränken wollte, blätterte ich, unter sorgfältiger Umgehung des politischen Teils, ich wollte mir schließlich nicht am frühen Morgen schon die Laune verderben, nun doch ein bisschen in der Zeitung. Daselbst las ich, dass „Hör-Akustiker ein besonderes Feingefühl benötigen.“ Bitte, ich glaube das unbesehen - Hör-Akustiker sind wahrscheinlich an Feinfühligkeit gar nicht zu überbieten und mit ihnen auf einer Stufe stehen höchstens noch Nierenstein-Schleifer oder Gallenblasmusiker. Aber was mich stutzen ließ: Warum nur der Hör-Akustiker? Braucht nicht auch der Wirbelsäulen-Akustiker ein ganz besonderes Gespür? Damit er hören kann, wo es knirscht, um segensreich dagegen zu walten? Und was der Magen-Darm-Akustiker kuriert, das will ich hier gar nicht ausmalen, das überlasse ich ganz Ihrer Fantasie. Aber entspricht das tatsächlich seiner Berufung? Schwierige Frage, das will gut überlegt sein! Danke Horoskop!

In diesem Zusammenhang möchte ich gleich noch auf ein Mysterium zu sprechen kommen, das mich schon länger grübeln lässt: Nämlich, dass zwar jeder den Augen-Optiker kennt, aber noch keiner die Verdienste des Hals-Nasen-Ohren-Optikers gewürdigt hat. Obwohl auch der ein ganz besonderes Feingefühl an den Tag legen muss, um nicht im engen Gehörgang mit dem Hör-Akustiker zusammen zu rasseln. Dass der Fusspilz-Optiker sich nur um die Hühneraugen kümmert, dürfen wir hingegen in das Reich der Legende verweisen, er stellt durchaus auch den Dioptrin-Wert schief gewachsener Zehennägel wieder in den Norm-Bereich ein. Leider wird diese Leistung jedoch nicht von der Krankenkasse übernommen, machen Sie sich auf einen zweistelligen Betrag gefasst. Für die Gesundheit sollte uns jedoch nichts zu teuer sein!

Sollten Sie das Obige alles für Fake-news oder gar alternative truths halten, weise ich das mit Entschiedenheit von mir - es ist alles wahr! Ja, wirklich, it’s true! Und nun bin ich tatsächlich ausgekommen, ohne ein einziges Mal den GröPaZ zu erwähnen - aber ob ich damit den Erdowahn oder das Trumpletier meine, das überlasse ich ganz Ihren persönlichen Vorlieben.

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