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Wieso Agilität und Achtsamkeit keine Gegensätze sind

Führungskraft zu sein, das war schon immer ein anspruchsvoller Job. Doch inzwischen haben beruflicher Druck und Stress noch weiter zugenommen. Agilität in der Führung erhöht die Produktivität und die Effektivität, das steht ganz außer Frage - doch man zahlt auch einen Preis dafür. Jedenfalls, wenn man keinen Ausgleich schafft. 
Als ich vor mehr als zehn Jahren meine Ausbildung als zertifizierter Lehrer von Mindfulness Based Stress Reduction abschloss, war „Mindfulness“, also „Achtsamkeit“, noch ein ziemlich exotischer Begriff in der Business-Welt. Doch inzwischen ist die Achtsamkeit in vielen Chef-Etagen angekommen. Wie man liest, gibt es bei SAP inzwischen sogar einen „Director of SAP Global Mindfulness Practice“. Es scheint sich auszuzahlen, denn Achtsamkeits - geschulte Mitarbeiter sind laut einer Studie engagierter, fokussierter, kreativer und seltener krank.
Man braucht jedoch kein SAP Mitarbeiter zu sein, um in den Genuss eines Trainings in Achtsamkeit zu kommen. Auch in unserer Reihe „Coaching als agiles Führungsinstrument“ können wir über Achtsamkeitstechniken sprechen und sie üben. Denn Achtsamkeit und Agilität sind keine Gegensätze, man kann beides in seinem Führungsalltag umsetzen - und wird mit beidem Produktivität und Erfolg steigern.

Was ist das Wichtigste bei Achtsamkeit?

Achtsamkeit, das innere zur Ruhe Kommen und Beobachten unterscheidet sich stark von dem, was meistens passiert, wenn Menschen sich gedanklich mit etwas beschäftigen. Das sieht üblicherweise nämlich so aus:
Man beginnt intensiv „nachzudenken“ - und meistens mündet dieses Nachdenken in Gedankenschleifen, die sich zu einem richtiggehenden Gedankenkreiseln steigern. Es gehen einem immer wieder nur noch die gleichen Dinge durch den Kopf. Man nennt das „Grübeln“. Die meisten Menschen werden das kennen. Das führt weder zu innerer Ruhe und Gelassenheit, noch löst es Stress auf.
Was ist das andere in der Achtsamkeit?
In der achtsamen Beobachtung der eigenen Gedanken bleibt man in der offenen, weiten Wahrnehmung aller inneren Reaktionen, ohne sie zu bewerten, ohne sich von ihnen mittragen zu lassen, ohne das Bewusstsein darüber, dass man beobachtet, zu verlieren. Wer den „Beobachter“ in sich nicht mehr erkennt, der ist nicht mehr in der Achtsamkeit.
Die Achtsamkeit besitzt also die Doppelnatur, sowohl aktiv als auch passiv zu sein.
Aktiv ist sie, indem sie bewusst den Fokus auf etwas herstellt und ihn darauf hält.
Passiv ist sie, indem sie einfach geschehen lässt. Alles, was an Reaktionen kommt, wird wertfrei wahrgenommen, ohne etwas abzulehnen, ohne etwas zu bevorzugen, ohne etwas ändern zu wollen - auch wenn Gedanken auftauchen, die einen „stören“.
DAS IST SCHWIERIG!
Denn unser Verstand ist dafür geschaffen, Probleme „zu lösen“. Verstand will analysieren, das macht er seit frühester Kindheit so, daran ist er gewöhnt. Also wird er immerzu versuchen, in die weite Wahrnehmung
hineinzupfuschen.
Wenn Sie für sich schon einmal anfangen wollen, Achtsamkeit zu trainieren, empfiehlt sich zum Beispiel der „Body scan“ als gute Übung. 

Um Achtsamkeit auf der Körperebene zu üben, empfiehlt es sich, sich sehr gerade und aufrecht hinzusetzen, die Augen zu schließen und Stück für Stück jeden Körperteil fokussiert wahrzunehmen. Beginnen Sie mit den Füßen, konzentrieren Sie sich darauf, wie gut Sie Ihre Füße wahrnehmen können, wie sie sich genau anfühlen. Dabei geht es nicht darum, sich die Füße visuell vorzustellen, sondern zu spüren, ob sie warm oder kalt sind, ob irgendwo etwas weh tut, ob sich eine Spannung in ihnen bemerkbar macht. Auch wenn Spannungen oder Schmerzen da sein sollten, ist es nicht Ihr Ziel, jetzt dagegen etwas zu unternehmen. Sie nehmen sie nur wahr, ohne etwas daran ändern zu wollen. Schließlich wandern Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit weiter, Sie gehen die Beine nach oben und spüren sie, so wie Sie es mit den Füßen gemacht haben, kommen zu den Hüften, zum Bauch, zur Brustregion, zum Rücken, zum Nacken, den Händen und Armen und schließlich zum Kopf mit den einzelnen Teilen des Gesichts. 
Wichtig bei dieser fokussierten Wahrnehmung der einzelnen Körperteile ist, sich immer wieder daran zu erinnern, dass es nicht Sinn der Übung ist, bei eventuell auftretenden Störungen wie Schmerzen oder Spannungen, sofort zu reagieren, sondern sie sich einfach anzuschauen. 

Achtsamkeit ist ein gutes Gegengewicht gegen die Schnelligkeit, die ansonsten von Führungskräften erwartet wird - und wenn man es ein wenig geübt hat, kann man mit persönlichem Gewinn agil und achtsam sein - erst das eine und dann das andere.

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