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Der Mensch

Empfangen und genähret vom Weibe wunderbar,
kömmt er und sieht und höret, und nimmt des Trugs nicht wahr;
gelüstet und begehret und bringt sein Tränlein dar;
verachtet und verehret, hat Freude und Gefahr;
glaubt, zweifelt, wähnt und lehret, hält nichts und alles wahr;
erbauet und zerstöret, und quält sich immerdar;
schläft, wachet, wächst und zehret, trägt braun und graues Haar,
Und alles diese währet, wenn’s hochkommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
und er kömmet nimmer wieder.

Da man es seit 1780 besser nicht ausdrücken kann, habe ich mir Matthias Claudius als fremde Feder ausgeborgt. Der grauverhangene November, der den fröhlich bunten Herbst hinter sich gelassen und den glitzerigen Weihnachtsrummel noch vor sich hat, lädt ja nachgerade dazu ein, sich mehr oder weniger tiefschürfende Gedanken über das Leben zu machen. Den meisten praktischen Nährwert haben dabei natürlich solche über das eigene Leben.

Ich bin neulich von einem lieben, klugen Menschen gefragt worden, ob ich nicht mal zum Thema „Macht der Mensch eigentlich, was ihm guttut, oder lässt er sich zu oft von eigenen und fremden Erwartungen in Aktivitäten hetzen, die er besser bleiben ließe“ was schreiben wollte. Ich dachte zuerst, dass ich das nicht will, weil der Gedanke ja schon häufig und aus viel berufenerem Munde zu Papier gebracht wurde - man könnte wahrscheinlich ganze Bibliotheken damit füllen. Auf der anderen Seite ließ mich die Sache aber auch nicht mehr los.

Unser Leben ist verdammt kurz. Da lohnt es sich schon, haushälterisch mit seiner Zeit umzugehen. Leider kapiert man das meistens erst, wenn gut die Hälfte der im Gedicht anvisierten achtzig Jahre schon rum ist. Naja, was soll’s - umso wichtiger, sich wenigstens dann mal ernsthaft zu fragen, ob man „des Trugs nicht gewahr wird“ und ob man seine immer, immer, immer zu kurze Lebenszeit tatsächlich so verbringt, wie es der Kostbarkeit des Materials angemessen ist. Dabei geht es mir jetzt gar nicht um die Maximierung des persönlichen Lustgewinns. Natürlich können und sollen wir nicht nur noch machen, worauf wir Lust haben oder was Spaß macht. Darüber brauchen wir gar nicht zu diskutieren. 

Aber man kann sich doch mal spaßeshalber fragen, wieviel Einsatz im Job - oder im Leistungssport, den man zur „Entspannung“ im Urlaub treibt - wirklich gut und richtig für einen ist. Ein lieber Freund ist gerade, von den Umständen gezwungen, dabei, sich aus dem „Gefängnis der Dinge“ zu befreien. Das ist einerseits ganz schön schwierig, weil Erinnerungen dranhängen, weil Status damit verknüpft ist, weil Loslassen erschreckend ist - aber andererseits wird es von ihm auch als echte „Befreiung“ erlebt. Er befand sich in der Situation, entscheiden zu müssen, ob er dem Erhalt dieses „Gefängnisses der Dinge“ weiter die dafür nötige Zeit und Energie widmen wollte, oder ob er mit seiner Zeit lieber „etwas anderes“ anfangen will. Er hat sich für „etwas anderes“ entschieden.

Man hätte sich selbstverständlich mit dem gleichen Recht für die „Dinge“ entscheiden können. Ich denke, es geht gar nicht darum, was man wählt. Es geht darum, dass man weiß, was man tut. Es geht darum, immer wieder in sich hinein zu hören und zu überprüfen, ob man mit sich und seinen Bedürfnissen noch auf dem Laufenden ist, oder ob das gar nicht mehr passt, was man sich tagtäglich anzieht.

Und man sollte, was die eigenen Entscheidungen betrifft, nicht unbedingt auf andere Leute hören, noch nicht einmal auf wohlmeinende Freunde, wie die nachfolgende Geschichte ohne Moral beweist. Sie ist übrigens wahr, ich habe sie mir nicht ausgedacht. Eine krebskranke Frau wehrte sich lange Zeit vehement gegen eine Chemotherapie, obwohl ihr Ärzte, Familie und Freunde zusetzten, dass sie doch diese Chance, ihr Leben zu verlängern, nutzen solle. Sie wollte einfach nicht. Nach Monaten des Widerstands gab sie dem Drängen schließlich nach, stürzte auf dem Weg ins Krankenhaus unglücklich eine Treppe hinunter und brach sich das Genick.
Also, hören Sie auf sich - und ausnahmsweise auf mich, denn ich habe als gute Briefkastentante natürlich einen abschließenden wertvollen Rat: Rufen Sie noch heute einen alten Freund, eine alte Freundin an, jemand, bei dem Sie sich schon lange mal wieder melden wollten, denn die Zeit ist kurz und wenn es erst einmal so weit ist, so „kömmet er nimmer wieder“, der Mensch - Amen…

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