Introvision – Die Kunst, ohne Stress zu leben

Oft befürchten wir, dass etwas passieren wird, was auf keinen Fall passieren darf; oder dass etwas nicht eintrifft, was unbedingt eintreffen sollte. Diese Sollvorstellungen sind begleitet von heftigen Emotionen, Erregungen und allerlei körperlichen Symptomen. Unser Blick ist verengt und wir geraten total in Stress. Introvision ist eine wirksame Form der Achtsamkeitsübung, bei der dieser »Tunnelblick« geweitet wird und die Konflikte sich auflösen.

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Leseprobe:

4. Kapitel Der innere Konflikt

Aus all dem, was wir bisher gesagt haben, dürfte klargeworden sein: Imperative schränken die persönliche Freiheit ein! Denn selbst wenn man dem Imperativ radikal aus dem Weg geht, indem man zum Beispiel glattweg ablehnt, den Vortrag überhaupt zu halten, befindet man sich in der misslichen Situation, das nicht aus freien Stücken getan zu haben, sondern weil man Angst vor Versagen hat – und aus diesem Grund womöglich berufliche Nachteile erleidet, seine Karriere behindert und sein Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen erschüttert.

Ein Imperativ ist immer verbunden mit erhöhter Anspannung und Stress. Wirklich problematisch wird der Imperativ jedoch dadurch, dass es eine zweite Stimme gibt, die sagt: „Aber genau das, was nicht passieren darf, könnte jetzt gerade geschehen!“ oder „Genau das, was unbedingt passieren muss, wird nicht stattfinden!“ Daraus erfolgt ein innerer Konflikt, denn es gibt den inneren Imperativ, der verlangt: „Es darf auf gar keinen Fall passieren, dass ich bei dem Vortrag scheitere!“, während eine zweite Stimme sagt: „Es ist aber durchaus möglich, das genau das geschieht!“ Dieser innere Konflikt schafft letzten Endes das Problem.

Wenn entweder die Situation oder der eigene Wille verlangt, dass der Vortrag gehalten werden muss, und es gleichzeitig sowohl den Imperativ „Ich darf bei diesem Vortrag nicht versagen!“ als auch den Gedanken „Es könnte durchaus passieren, dass ich versage“ gibt, gerät der Mensch in einen Imperativ-Verletzungskonflikt, der ihm die Ruhe raubt, denn er steuert damit in eine Richtung, in die er auf gar keinen Fall will. Solche inneren Konflikte lasen sich in vier Gruppen einteilen:

  • Realitätskonflikt
  • Imperativ-Konflikt
  • Undurchführbarkeits-Konflikt
  • Konflikt-Konflikt
  • Der Realitätskonflikt

Von einem Realitätskonflikt sprechen wir, wenn die Realität geleugnet wird, weil sie völlig anders ist, als sie den eigenen Erwartungen gemäß sein sollte. Das war zum Beispiel der Fall bei einem Vater, der sich nicht damit auseinandersetzen wollte, dass sein pubertierender Sohn sich schon längst auf der schiefen Bahn befand, als der Vater sich noch immer einredete, es sei alles in bester Ordnung und der Junge erlebe nur gerade eine schwierige Phase, die er bald überwunden haben würde. Obwohl alle Anzeichen deutlich darauf hinwiesen, dass der Junge in kriminelle Machenschaften verstrickt war, war der Imperativ des Vaters „Es darf einfach nicht sein, dass ich ein kriminelles Kind großgezogen habe!“ so stark, dass er immer wieder alles ausblendete, was ihm hätte beweisen müssen, dass sein Sohn Autos aufbrach und stahl. Wenn er sich eingestanden hätte, dass sein Sohn tatsächlich ein Dieb geworden war, wäre er so sehr in Konflikt mit seinem Imperativ gekommen, dass er nicht gewusst hätte, wie er damit umgehen soll – also leugnete er die Realität lieber ab.

Er geriet aber natürlich trotzdem jedes Mal in großen Stress, wenn er darauf angesprochen wurde, dass sein Sohn in eine sehr schlechte Gesellschaft hineingerutscht war. Er beschimpfte die Wohlmeinenden dann lieber als Spießer oder bezichtigte sie, dass sie übertreiben würden und kein Verständnis für junge Leute hätten. Schließlich verbat er sich, dass man seinen Sohn „denunziere“, und da die meisten Leute keine Lust hatten, mit ihm aneinander zu geraten, gaben sie ihre Bemühungen, ihm die Augen zu öffnen, eben auf.

Ein weiteres Beispiel für einen Realitäts-Konflikt schildert der Fall einer Managerin, die als Alleinverdienerin die Verantwortung für immer mehr und zeitintensivere Aufgaben übernahm, weil sie sich in den Kopf gesetzt hatte, genügend Geld für ein schönes, großes Haus für ihre Familie beschaffen zu müssen. Die logische Folge war, dass sie immer weniger Zeit für ihre Kinder und ihren Mann hatte. Ihr Mann hätte lieber mehr von ihrer Zeit als einen höheren Verdienst gehabt, doch sie war der felsenfesten Überzeugung, dass dieses Haus nun sein müsse. Ihr Imperativ sagte ihr: „Ich muss alles für die Familie geben!“ und das machte sich an einem schönen Haus fest. Eines Tages hatte der Ehemann genug von dieser „Misere“, wie er sagte, und trennte sich von seiner Frau.

Für die Managerin brach die Welt zusammen und womit sie ganz und gar nicht fertig wurde, war der Gedanke, dass sie diese Trennung selbst mit verschuldet hatte. Dass sie durch ihr eigenes Verhalten selbst mit dazu beigetragen hatte, dass ihr Mann gegangen war, dass sie daran mitgearbeitet hatte, ihre Familie zu zerstören, stürzte sie in eine tiefe Depression. Der Gedanke daran belastete sie so sehr, dass sie nicht in der Lage war, sich damit zu konfrontieren. Wenn in Gesprächen mit Freunden die Rede darauf kam, dass sie durch ihr besessenes Arbeiten ihren Teil am Scheitern der Beziehung beigesteuert hatte, geriet sie in extremen Stress. Es durfte einfach nicht sein, dass das so war – sie war schließlich diejenige, der das Wohl der Familie am wichtigsten war. Sie war die Retterin der Familie – eine andere Realität konnte sie nicht akzeptieren. Deshalb brach sie sofort in Tränen aus, wenn irgendjemand ihre Mitverantwortung auch nur andeutete. Sie machte ein solches Drama, dass ihr Umfeld schließlich lieber darauf verzichtete, mit ihr überhaupt darüber zu sprechen, man wollte sie nicht noch zusätzlich „runterziehen“.

Der Imperativ-Konflikt

Um einen Imperativ-Konflikt handelt es sich, wenn zwei Imperative miteinander  in Konflikt liegen, die sich gegenseitig so blockieren, dass man keinerlei Handlungsmöglichkeit mehr hat. So erging es einem Studenten, der sich vor einer entscheidenden Prüfung in eine fast verzweifelte Situation brachte. Er hatte schon während der Schulzeit den Imperativ aufgebaut: „Um wirklich lernen zu können, muss ich genügend äußeren Druck haben! Ich konnte mich noch nie zum Lernen motivieren ohne Druck!“ Daneben hatte er jedoch einen zweiten Imperativ entwickelt, der hieß: „Damit ich mir Dinge gut merken kann, muss ich entspannt sein! Sonst kann ich mich nicht konzentrieren!“ Als der Druck vor dieser für ihn entscheidenden Prüfung allerdings so groß war wie nie zuvor, brachte er sich total in Panik: Er hing zwischen diesen beiden, einander entgegengesetzten Imperativen fest wie in einer Falle.

Einen ähnlichen Konflikt erlebte ein Geschäftsführer, der von Seiten seines Aufsichtsrates unter dem hohen Druck stand, dass die Zahlen der Firma sich in eine bestimmte Richtung zu entwickeln hatten. Das taten sie jedoch nicht und er fühlte sich gezwungen, die Zahlen etwas zu beschönigen. Das brachte ihn jedoch gewaltig in die Bredouille mit seinem Imperativ „Ich muss immer zu hundert Prozent korrekt sein!“ Er fühlte sich in einer ausweglosen Lage, seine Gedanken kreisten ständig um dieses Problem, er konnte nachts nicht mehr richtig schlafen und wusste sich überhaupt keinen Rat mehr, wie er diese Situation bewältigen sollte.

Ein Coaching-Klient befand sich in einem Zwiespalt, als es darum ging, dass in dem Unternehmen, für das er arbeitete eine attraktive Stelle neu zu besetzen war. Er glaubte, diese Stelle haben zu müssen, weil es einen Imperativ bei ihm gab, der verlangte: „Du musst diese Stelle kriegen, sonst bist du ein Verlierer!“ Um sich für diese Stelle gut zu positionieren, hätte er nun aber auch an den richtigen Stellen ordentlich Werbung für sich machen müssen. Da kam ihm jedoch ein zweiter Imperativ in die Quere, der lautete: „Du darfst dich nicht in den Vordergrund drängen, das macht man nicht!“

Was er also auch unternähme, würde ihn in Widerstreit mit einem Imperativ bringen. Dachte er darüber nach, wie er seine Vorzüge zur Geltung bringen könnte, geriet er in Stress – dachte er darüber nach, dass er die Stelle niemals bekommen würde, wenn er es nicht täte, geriet er ebenfalls in Stress. Wie sollte er sich aus diesem Dilemma befreien? Es schien keine Lösung zu geben.

Der Undurchführbarkeits-Konflikt

Ein Undurchführbarkeits-Konflikt ist dadurch gekennzeichnet, dass es einen Imperativ gibt, der vorschreibt, dass irgendetwas auf eine ganz bestimmte Art sein muss, der Betreffende jedoch nicht die geringste Ahnung hat, wie das zu bewerkstelligen ist. So setzte sich etwa ein Verkäufer unter einen enormen Erfolgszwang. Er wollte seine Verkaufszahlen mit aller Gewalt steigern und war besessen von dem Gedanken: „Ich muss meine Zahlen nach oben bringen!“ Nun hatte er allerdings schon alles Menschenmögliche dafür unternommen, ohne dass sich an den Zahlen etwas geändert hätte – der Markt gab im Moment einfach nicht mehr Verkaufsabschlüsse her. Er wusste also auch: „Ich habe keinerlei Idee, wie ich meine Zahlen steigern kann. So, wie die geschäftliche Lage im Moment ist, ist es einfach nicht zu schaffen, noch mehr Verkäufe zu tätigen!“ Er wälzte sich im Schlaf, weil er sich selbst im Bett noch das Gehirn zermarterte, was er noch tun könnte, weil der Imperativ „Ich muss meine Zahlen nach oben bringen!“ ihm einfach keine Ruhe ließ, obwohl ihm eigentlich klar war, dass es nichts mehr gab, was er noch dafür tun konnte.

Der Konflikt-Konflikt

Unter einem Konflikt-Konflikt leiden Menschen, wenn sie davon überzeugt sind, dass sie genau den Konflikt, den sie gerade erleben, eigentlich gar nicht haben dürften. So kam zum Beispiel eine erfahrene Führungskraft nur mit sehr viel anfänglichem Widerstreben ins Coaching, weil sie der Ansicht war, dass sie das Problem, mit dem sie kämpfte, eigentlich gar nicht mehr haben dürfte. Sie hatte eine schwierige Führungssituation zu bewältigen, kam damit aber nicht zurande und erschwerte sich die Lage noch dadurch, dass sie sich selbst vorwarf: „Eigentlich dürfte einer Führungskraft mit meiner Erfahrung und meinem Wissen so etwas überhaupt gar nicht passieren! Ein solches Problem, in meinem Alter, mit meinem Hintergrund – das darf überhaupt nicht sein!“ Deshalb sträubte sie sich lange gegen das Coaching, das ihr von Seiten der Personalabteilung empfohlen worden war, weil sie die Angst hatte: „Wie sieht das denn aus, wenn ich als gestandene Bezirksleiterin mit einer solchen Situation nicht klar komme! Dann nimmt mich doch kein Mensch mehr ernst.“

Sie verbaute sich also zunächst einmal selbst den Weg zur Lösung, weil sie nicht nur den ursprünglichen Konflikt nicht auflösen konnte, sondern noch zusätzlich damit kämpfte, dass sie überhaupt einen solchen Konflikt hatte. Überhaupt Hilfe anzunehmen, war eine schier unüberwindliche Hürde für sie.

Konflikt-Konflikte treten auch, und häufiger als man denkt, bei darstellenden Künstlern auf, die mit zunehmender Bühnenerfahrung ihr Lampenfieber nicht verlieren, sondern immer heftiger darunter leiden. Statt durch die zunehmende Routine immer gelassener zu werden, steigert sich ihre Anspannung von Jahr zu Jahr. So erging es auch einem Schauspieler, der vor jeder neuen Premiere noch heftigere  Anfälle von Lampenfieber hatte als vor der letzten. Zusätzlich beschimpfte er sich selbst dafür, dass er nicht schaffe „was jeder andere kann“, denn mit seiner Erfahrung hätte sich das Lampenfieber schließlich längst auf das ganz normale Maß, wie es die anderen auch erlebten, reduziert haben müssen. Und weil er so sehr mit sich im Konflikt lag, dass er diesen Konflikt überhaupt hatte, konnte er auch nichts dagegen unternehmen – dann hätte er ja etwas zugeben müssen, was in seinen Augen gar nicht sein durfte.

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