Ulrich Dehner

Warum ist Persönlichkeitsentwicklung besonders wichtig für Führungskräfte?

Weil Führungskräfte meist einem ganz besonderen Druck ausgesetzt sind.

Persönlichkeitsentwicklung 3. Teil

Aus vielen Coachings weiß ich, welche Rolle innerer Stress dabei spielt, wenn Verhaltensweisen gezeigt werden, die der Betroffene selbst gern los wäre, er jedoch noch keinen Weg gefunden hat, sich nicht „triggern“ zu lassen. Diese Trigger gibt es gerade für Führungskräfte besonders häufig, denn sie stehen ganz besonders unter Druck.

Da ist zum Beispiel der Leistungsdruck, dass das für die Firma so wichtige Projekt, für das man verantwortlich zeichnet, nicht schiefgehen darf. Schon allein dieser Druck, kann alte, kindliche Anteile triggern, Anteile, die fürchten „Wenn ich in diesem Punkt versage, wenn ich dieses Projekt vermassle, dann bin ich unten durch, dann will keiner mehr etwas mit mir zu tun haben!“ Das ist natürlich kindliches Denken – aber selbst wenn man sich unter Aufbietung der eigenen Rationalität sagt, dass das doch Quatsch ist, kommt das nicht wirklich im Bauch an. Im Bauch spürt man nämlich schon die Auswirkungen des Alarms, der von der Furcht vor dem Scheitern getriggert wurde. Aber selbst wenn man weiß, dass man so reagiert, weil der Vater einem nie etwas zugetraut hat, oder weil man sich in der zweiten Klasse fürchterlich blamiert hat, hilft das nicht, wenn man keinen Weg kennt, den inneren Alarm abzustellen, der sich unweigerlich einstellt, wann immer man in eine Situation kommt, in der man scheitern könnte. Und welcher Manager wüsste nicht, dass ein Projekt immer scheitern kann, dass es nie eine hundertprozentige Garantie für das Gelingen gibt.

Dann gibt es da aber auch noch zum Beispiel den Konkurrenzdruck, der auch nicht geringer wird, je weiter man die Karriereleiter hinaufsteigt. Im Gegenteil, je weiter nach oben man kommt, desto stärker wird der für gewöhnlich. Dieser Konkurrenzdruck kann verschiedene Auswirkungen haben: Für den einen wird die Angst, dass herauskommen könnte, dass er eigentlich „nur ein Hochstapler“ ist, immer größer, mit allen dazugehörigen Alarmen. Die alten Versagensängste, die man durch immer mehr Leistung beschwichtigen wollte, lassen sich dadurch eben nicht lösen.

Bei anderen passiert, was ebenfalls zu beobachten ist: Konkurrenzdruck bringt für gewöhnlich nicht die edelsten Teile des menschlichen Charakters zum Leuchten. Da treten plötzlich nämlich destruktive Anteile auf, die man eigentlich sogar vor sich selbst lieber leugnet. Wenn der Erfolg wahnsinnig wichtig wird, weil er der Ersatz ist für die Anerkennung, die man sein ganzes Leben lang vergeblich gesucht hat, dann macht man alles, um erfolgreich zu sein – auch Dinge, die nicht so nett sind. Um es deutlich zu sagen, man lügt und betrügt, wenn es sein muss. Wissenschaftler erfinden Ergebnisse oder streichen Versuchspersonen, bei denen andere Reaktionen als die erwünschte auftreten, einfach aus der Versuchsanordnung, Manager frisieren Bilanzen oder wissen Dinge angeblich nicht, über die sie genau informiert waren. Oder Mitarbeiter werden zur Schnecke gemacht, weil der eigene Stress so groß geworden ist, dass der innere Druck sich irgendwie entladen muss.

Unter der Last des Konkurrenzdrucks übernehmen eben in manchen Situationen die nicht-integrierten Anteile der Persönlichkeit die Regie, z.B. Neid, Missgunst, Bösartigkeit, Hass, Vorurteile. Die will man erst recht nicht wahrhaben, doch wenn jemand den Anspruch an sich selbst hat „Ich darf keine destruktiven Teile haben“, so wird er vermutlich immer wieder sehr destruktiv handeln, denn durch das Wegschieben, das nicht wahrhaben wollen, vergibt man sich die einzige Möglichkeit, Kontrolle über diese Teile zu gewinnen.

Und schließlich und endlich gibt es einen weiteren Punkt, den man ebenfalls nicht vernachlässigen darf, wenn es darum geht, warum Persönlichkeitsentwicklung für Führungskräfte besonders wichtig ist: Weil Führungskräfte die Macht haben, bestimmte Verhaltensweisen auszuleben! Darum gibt es kein Herumreden. Wenn ein kleiner Angestellter austickt, schadet er damit für gewöhnlich nur sich selbst. Wenn eine Führungskraft austickt, schadet sie sich langfristig natürlich auch selbst, aber vorher schadet sie ihren Mitarbeitern und ihrer Firma. Wie schon einmal erwähnt, hat eine Umfrage des DGB ergeben, dass fast die Hälfte der Beschäftigten Angst vor ihren Vorgesetzten hat. Vor einer gereiften Persönlichkeit, die ihren Job mit professioneller Gelassenheit und Sachverstand ausübt, braucht niemand Angst zu haben.

Wie in den vorigen beiden Beiträgen schon angeklungen ist, braucht es mehr, um sich weiterentwickeln zu können, als nur zu verstehen, welche lebensgeschichtlichen Zusammenhänge bei den eigenen Schwierigkeiten eine Rolle spielen. Denn die Trigger, die ein Verhalten auslösen, das man verändern möchte, verlieren ihre Wirksamkeit für gewöhnlich nicht, nur weil man versteht, wo sie herkommen. Wer wirklich etwas verändern will, kommt nicht darum herum, diese „unreifen“ Persönlichkeitsanteile „nachreifen“ zu lassen, indem er sie anerkennt und dadurch integriert.

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