Ulrich Dehner

Defizit-orientiertes Coaching – igitigittigitt – oder was?

Durch die Coaching- und die Personaler-Szene geistert eine schaurige Erscheinung – die „Defizit-Orientiertheit“. Die scheint des Teufels zu sein und ist unbedingt zu vermeiden, so hört man. Wenn man nachfragt, was den ein wünschenswerter Ansatz sei, erhält man als Antwort das berühmt-berüchtigte „Stärken stärken“!

Stärken zu stärken mag ja oft eine ganz gute Sache sein, ist in seiner Ausschließlichkeit aber sehr fragwürdig. Es steckt der Denkfehler dahinter, dass die Schwächen ganz von allein verschwinden, wenn man sich nur genug um die Stärken bemüht. Natürlich ist es absolut nicht wünschenswert, jemanden in einem Job einzusetzen, der nicht seinen Stärken entspricht. Aber das wird doch sowieso kein vernünftiger Personaler tun.

Warum ist „Stärken stärken“ zu kurz gegriffen? Wenn man zum Beispiel einen Mitarbeiter hat, der hochintelligent ist, bei Kunden sehr gut ankommt, so analytisch denkt, dass er sofort versteht, um was es geht, deshalb regelmäßig Aufträge erhält, die er allerdings genauso regelmäßig auch wieder verliert, weil er so desorganisiert ist, dass er zugesagte Termine vergisst, Vereinbarungen aus Schusseligkeit nicht einhält und sein Chaos nicht in den Griff bekommt, so kommt man nicht weit, wenn man versucht, seine Stärken zu stärken. Dieser Mitarbeiter braucht nicht immer noch analytischer, schneller im Kopf und charmanter im Umgang mit Kunden zu werden. Davon hat er reichlich. Was ihm fehlt, ist die Selbstorganisation – das ist seine große Schwäche. Und an der muss man arbeiten! Sonst verpuffen seine Stärken, die er zweifellos besitzt.

Coaching sollte, wenn es wirken soll, weder defizit-orientiert, noch stärken-orientiert sein – ein gutes Coaching ist entwicklungs-orientiert. Darum geht es doch: Ein Klient steht an einem bestimmten Punkt A und will sich zu einem Punkt B hin entwickeln. Für den Coach geht es immer um die Frage: „Wie kann ich den Klienten darin unterstützen, dass er den Weg von A nach B findet und ihn auch gehen kann?“ Ob Punkt A nun ein Defizit ist, etwas , das ihm mangelt, das er aber für seinen Job dringend braucht, oder ob A bereits eine starke Position ist, die aber noch weiter gefördert werden muss, damit die nächste Karriere-Stufe erklommen werden kann, es geht immer darum, einen Entwicklungsprozess zu initiieren oder zu unterstützen, ein Entwicklungsziel zu erreichen.

Schlagworte wie „Stärken stärken“ klingen ja immer ganz schick, aber bei genauem Hinsehen wird man eben merken, dass sie nie die ganze Wahrheit abbilden, nie für jeden Sachverhalt einsetzbar sind.

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