Blog

Seid umschlungen, Millionen…

Ich finde, Sie machen das großartig! Sie sind, ich kann es nicht anders sagen, einfach toll - intelligent, weltoffen, zugewandt, mit Humor begabt, freundlich und wahrscheinlich gutaussehend, das kann ich von hier aus nicht so deutlich erkennen, aber ich gehe mal fest davon aus! Es ist schließlich die innere Schönheit, die zählt und jeden möglicherweise vorhandenen kleinen Makel überstrahlt. Lassen Sie sich herzen, Sie wunderbarer Mensch, dafür, dass ich mit Ihnen in Kontakt treten kann, Sie hätten mich schließlich mit einem kleinen Klick aus Ihrem Email-Eingangskorb werfen können!

Dafür lohnt es sich doch, dass ich hier mit Seekrankheit am Computer sitze. Klingt komisch, ich weiß, und eigentlich sollte ich schreiben, dass ich mit Sehkrankheit am Computer sitze, das würde die Sache besser treffen, aber die Symptome sind die gleichen. Mir wird schwindelig, wenn ich gezwungen bin, einen Text, der etwas längere Zeit in Anspruch nimmt, zu verfassen. Das liegt an meiner gerade nicht vorhandenen neuen Brille. Ich habe mir neue Gläser machen lassen und irgendetwas ist damit schief gegangen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, warum mir plötzlich speiübel wird, wenn ich länger als zehn Minuten vor dem Rechner sitze und schreibe. Beim Optiker hat man sich allerdings nicht gewundert, als ich meine Symptome beschrieben habe, also nehme ich an, das Phänomen kommt öfter vor. Da die alte Ersatzbrille, die ich benutzen muss, bis meine aktuelle Brille gerichtet ist, auch nicht auf der Höhe der Zeit ist, macht mir die See- oder Sehkrankheit, wie man will, immer noch zu schaffen. Aber meine Selbstdisziplin ist ungebrochen, weshalb es auch in diesem Newsletter eine Kolumne gibt, wenn auch eine mit zusammengebissenen Zähnen. Wem eine Kolumne versprochen wurde, der kriegt auch eine! Wäre ja noch schöner! Und jetzt sehe ich Sie eben mit ganz anderen Augen.

Fall Sie übrigens den Eindruck haben, dass ich mit meiner Lobpreisung zu Beginn des Textes vielleicht doch ein ganz klein wenig zu dick aufgetragen habe, was soll’s? Lassen Sie es sich doch ausnahmsweise mal gefallen, ganz uneingeschränkt gelobt zu werden. Klar, ich seh gerade nicht so gut, da verschwimmen die Konturen, alles wird ein bisschen unscharf - das verschönert mein Spiegelbild sonderbarerweise ganz ungemein - und ich habe Mühe, auf jedes kleine Detail zu achten. Aber warum auch immer auf die winzigen Fehler, den echt vernachlässigbaren Makel fokussieren! Mal ehrlich: Bringt das wirklich mehr Qualität ins Dasein? Setzen Sie sich lieber große Ziele, das motiviert: Tun Sie einfach so, als ob es wahr wäre, was ich über Sie sage. Machen Sie die Augen zu und stellen Sie sich einen Moment lang vor, absolut liebenswert, liebevoll, fröhlich und gutgelaunt zu sein. Das hebt ganz enorm die Stimmung! Und wenn Sie sich dann im Anschluß noch ausmalen, dass Sie jetzt mindestens 377 Euro 99 gespart haben, die Sie für all die Ratgeber-Literatur hätten ausgeben müssen, um auch nicht mehr dafür zu bekommen als einen kleinen Tagtraum - ich meine Literatur von der Sorte „Mit drei Minuten Üben täglich  zur Traumfigur“ oder „Schlank und fit im Schlaf“ oder „Reich und berühmt in fünf leichten Schritten“  - dann können Sie sich noch mal zusätzlich für Ihre Klugheit auf die Schulter klopfen. 

Ich weiß, dass es schwer ist, sich selbst einigermaßen klar zu sehen und trotzdem nicht mit sich herumzumeckern. Man will immer mehr von sich selbst, erfüllt die eigenen Erwartungen nie, ist sich nie genug und will vor allen Dingen schon gar nicht mit dem unangenehmen Typen aus der Nachbar-Abteilung verwechselt werden, der so eklig von sich selbst eingenommen ist. Die Balance zwischen „Ich mag mich“ und der Erkenntnis „Ich bin ein fehlbarer Mensch“ ist eine prekäre. Aber der Mensch will sich lieben, sonst fänden ja all die Selbst-Optimierungs-Bücher und -Apps gar keine Käufer, also probieren Sie es doch spaßeshalber einmal aus. Ich empfehle, mit drei Minuten täglich anzufangen und die Dosis ganz langsam zu steigern. Sie wissen ja, jede Übertreibung ist von Übel! Ich habe mir fürs Erste jedenfalls vorgenommen, einfach mal die Brille abzunehmen, wenn ich in den Spiegel reinschaue und da zu viele Falten rausgucken. Aber bevor mir von so viel Schönheit schwindelig wird, setze ich sie wieder auf, versprochen!