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Der Sinn des Lebens

Keine Angst vor dem Tiefschürfen zu haben, noch die existenziellsten Fragen des Lebens furchtlos anzupacken, das zeichnet diese Kolumne von jeher aus und ich hoffe schwer, selbiges ist Ihnen in all den Jahren nicht entgangen. Nun habe ich neulich gelesen, dass Archäologen, und täten sie noch so tief und gründlich schürfen, von einer „Zivilisation“ (wenn man in heutigen Zeiten diesen Begriff noch auf die Menschheit anwenden darf) wie der unseren nicht ein Spürchen mehr fänden, wenn sie, sagen wir mal vor fünfzig Millionen Jahren untergegangen wäre, denn es wäre alles, Mann und Maus und weißes Haus, völlig pulverisiert. Nageln Sie mich jetzt nicht auf Jahreszahlen fest! Ein paar Millionen Jahre hin oder her, da wollen wir mal nicht kleinlich sein. Worauf ich hinaus will, ist a) es könnte durchaus sein, dass es schon mal Deppen wie uns gab, die den Ast auf dem sie saßen, so gründlich absägten, dass nichts anderes mehr übrig blieb, als den Verlauf der Evolution auf „Reset“ zu setzen und noch mal von vorn anzufangen und b) wenn man die Vergänglichkeit von restlos Allem so gnadenlos vor Augen geführt bekommt, dann kommt man doch ins Grübeln. Und fragt sich nach dem Sinn. Warum tun Menschen schreckliche Sachen? Und wenn man sich das fragt, dann fällt einem aus aktuellem Anlass ein ganz Bestimmter ein.

Was waren das noch für selige Zeiten, als man sich über den Typen lustig gemacht hat. Inzwischen ist selbst den Hartgesottenen das Lachen gründlich vergangen. Shakespeare, der bekanntlich ein kluger Kerl und dem nichts Menschliches fremd war, lässt seinen Macbeth sagen: „Unzählige Verbrechen pflastern den Weg zur Macht“ und dass man mit den Verbrechen nicht aufhört, wenn man diesen Weg schon ein sehr gutes Stück geschritten ist, hat „He who must not be named“ gerade einer entsetzten Weltöffentlichkeit eindrucksvoll vorgeführt. Wie moralisch auf den Hund gekommen muss eine Gesellschaft sein, die einem verkommenen Subjekt selbst dann nicht die Gefolgschaft aufkündigt, wenn er sich einer eiskalt berechneten Grausamkeit schuldig macht und über zweitausend Kinder in Käfige sperrt? Wie weit ist eine Nation (herunter-) gekommen, wenn in einer seriösen Zeitung wie der „Süddeutschen“ in einem Kommentar folgender Satz zu lesen ist: „Es gibt selbst in Trumps Amerika noch Menschen, denen Anstand und Menschlichkeit etwas bedeuten.“ 

Wenigstens der Zombie an seiner Seite scheint ein wenig aus seiner Totenstarre erwacht zu sein. Aber ob das wirklichem Mitgefühl, Menschlichkeit und Anstand gar, oder doch nur Berechnung entsprang? Wir wissen es nicht - und wissen Sie was? Es ist mir auch egal! That is me so what from sausage! Wie die gute Melania selbst uns auf ihrer Rückansicht wissen lässt, dass ihr, was auch immer, am Arsch vorbeigeht, I really don’t care! Do you? No, ma’am! I am through with you and your bloody, shitty husband! Hiermit trenne ich mich offiziell vom Lieblingsobjekt meines Spottes und weiß, das wird ihn treffen bis ins innerste Mark, jawoll!

Es ist ja auch nicht so, dass einem die Themen ausgingen, über die man sich lustig machen kann. Dass eine Partei, die in Bayern beheimatet ist und sich, koste es, was es wolle, an rechte Ideologien ranwanzt, sich „christlich“ und „sozial“ nennt, das ist doch schon mal ein Brüller erster Klasse! Mehr braucht man eigentlich gar nicht zu sagen und schon klopft sich der gebildete Leser auf die Schenkel. Man sollte ihnen die Kreuze, die sie an Bürowände nageln, mal tüchtig um die Ohren hauen, da würden sie jedenfalls einem besseren Zweck dienen.

Aber ich habe mich forttragen lassen. Eigentlich geht es mir ja um den Sinn des Lebens. Und da hatte ich neulich ein nettes, kleines Erlebnis. Ich saß im Zug nach Köln zwei, drei Stunden lang einer jungen Frau und ihrem kleinen Sohn gegenüber. Die junge Frau ging wunderbar mit dem Kleinen um, der sich für einen etwa Zweijährigen auch mustergültig verhielt - da habe ich schon ganz andere Nervensägen erlebt. Auffällig an der jungen Frau war aber nicht nur die liebevolle und intelligente Art und Weise, wie sie mit dem Kind kommunizierte, auffällig waren auch ihre üppigen Tätowierungen, von denen man sehr viel sah, denn es war ein heißer Tag und die Kleidung entsprechend minimal. Nun sind Tätowierungen an sich heutzutage auch bei jungen Frauen nicht so etwas Besonderes. Es gab bei ihr jedoch noch zwei weitere Besonderheiten: Sie hatte zum einen an beiden Armen deutlich erkennbare Narben vergangener Ritzereien. Sie hatte sich offensichtlich in Ihrer Jugend ausgiebig selbst verletzt. Zum anderen hatte sie eine Tätowierung quer über das Dekolleté, von der ich sehr lange Zeit nur lesen konnte „Der Sinn des Lebens ist“. Der Rest war von ihrem T-Shirt verborgen. Es hat mich fasziniert. Endlich tat sich ein Weg auf, hinter das größte aller Geheimnisse zu kommen, und dann verdeckte ein banaler Hemdträger die Lösung! Ich habe gegrübelt und gegrübelt. Was war wohl für eine junge Frau, die offenbar schon viel hinter sich hatte und einen langen Weg der Erkenntnis gegangen war, um zu einer so liebevollen, kompetenten Mutter zu werden, der Sinn des Lebens? Wie vollendete sie diesen Satz? Natürlich bin ich auch in mich gegangen und habe über meine eigene Definition des Lebenssinns nachgedacht, ohne zu einer größeren Einsicht zu gelangen, als das, alles in allem genommen, und die Welt sowie die darin lebenden Menschen und Unmenschen in Betracht gezogen, kein wirklicher Sinn erkennbar sei.  
Kurz bevor ich aussteigen musste, verrutschte übrigens der Hemdträger. Ich konnte lesen: „Der Sinn des Lebens ist leben“. Und damit kann man doch leben, oder?