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Die Selbstoptimierung macht aber auch vor gar nichts Halt!

Okay, wir leben in einer Leistungsgesellschaft, das haben wir mittlerweile alle kapiert - es wird uns ja auch oft genug vorgebetet. Dass wir außerdem auch in einer Art Neuauflage der mittelalterlichen Feudalgesellschaft leben, in der die Machthaber der großen Konzerne den neuen Adel darstellen, der sich alles erlauben kann und auch dann noch hofiert wird, wenn Menschen, die verdammt viel mehr und wertvolleres  leisten, aber weniger privilegiert sind und sehr viel weniger verdienen, schon längst vor dem Kadi gelandet wären… geschenkt! Dass man die Großen laufen lässt, während die Kleinen gehängt werden, ist leider auch eine Binse. Ich muss trotzdem noch schnell auf eines meiner Lieblingszitate der vergangenen Wochen zurückkommen, es ist einfach zu schön. Nach dem Umgang mit den Betrügereien, denen sich sein Unternehmen schuldig gemacht hat, befragt, antwortete der Chef von Volkswagen, alles, was gelaufen sei, habe sich innerhalb des rechtlich vorgegebenen Rahmens bewegt. Wenn allerdings, so sprach er mehr oder weniger wörtlich weiter „neue Gesetze verabschiedet würden, so sei sein Konzern selbstverständlich dazu bereit, sich an diese Gesetze zu halten.“ Da kommen einem doch die Tränen der Rührung! Hochwohlgeboren sind gnädigst bereit, sich an Gesetze zu halten! Wo hat man denn so etwas schon erlebt? Dass alle anderen das schlicht und ergreifend müssen, tut hier ja gar nichts zur Sache, oder? Aber erhellend war dieses Schlaglicht auf den Bezugsrahmen eines Konzernlenkers schon, muss ich sagen. Und Gesetze „verabschieden“ kriegt plötzlich auch so eine merkwürdige Deutung - die Herren verabschieden sich sang- und klanglos von den Gesetzen, die ihnen störend im Weg stehen.

Zurück zur Leistung. Da könnte man jetzt zwar auch etliche Seitenhiebe sowohl aus der sozialkritischen, als auch aus der feministischen Ecke anbringen, das jedoch ist im Moment nicht mein Anliegen. Mir geht es hier und jetzt darum, das Augenmerk auf einen Leistungsaspekt zu richten, der Ihnen vielleicht genau so neu ist, wie er mir war, als ich heute morgen in der Zeitung folgende Werbung entdeckte: „Dezente Leistungssteigerung für die Haare“. Nee, oder? Die armen Männer, denn ausschließlich an die richtete sich diese wissenschaftliche Sensation aus dem Hause Alpecin, die müssen jetzt nicht nur im Beruf, im Sport, im Auto, im Bett und weiß ich noch wo, leisten, leisten, leisten - nein, auch auf dem Kopf ist jetzt Leistung angesagt. Unter uns, wenn die Herren nicht nur auf dem Kopf, sondern auch in demselben etwas haben, wenigstens ganz dezent, lachen sie sich über die Werbung scheckig. Und was da nicht alles zur Sprache gebracht wird - es ist zu ergreifend für Worte. 

Ich würde ja am liebsten alles abschreiben, aber vielleicht können Sie schon ermessen, was ich meine, wenn ich nur ein paar Stichworte anführe: „Haarefärben ist Frauensache, Experten der Dr. Wolff-Forschung haben eine interessante Alternative entwickelt: Tuning. Aus angewandter Physik wird Tuning für die Haare. Ein aktivierender Komplex schützt die Haarwurzeln vor Leistungsverlust. Wie eine hochmoderne Lackieranlage in der Autoindustrie, German Engineering der Dr.Wolff-Forschung für die Haare…“

Nachtigall, ick hör dir Trapsen, fällt mir dazu spontan ein. Haben die Werbe-Agentur, die diesen Text verbrochen, und die Marketing-Abteilung, die ihn gekauft hat, wirklich so eine schlechte Meinung von Männern, dass sie sich einbilden, man könnte diese offenbar unbedarfte Spezies mit solchen Reizworten ganz ohne weiteres ködern? Halten sie Männer wirklich für so schlicht, dass sie glauben, auf „Leistungssteigerung“, „Tuning“, „Autoindustrie“ und „German Engineering“ fallen die Kerle, vor allen die mit den silbernen Rallye-Streifen an den Schläfen, einfach so mir nichts, dir nichts herein? Fehlt nur noch „Das Potenzmittel für Haare, die schlappmachen“ oder „Mehr Eier für die Kopfhaut“ oder so.

Für Männer, die ihr Aussehen weder mit German Engineering noch durch eine hochmoderne Lackieranlage auf den neuesten Stand der Frisuren-Forschung bringen wollen, habe ich übrigens eine interessante Alternative. Im Prenzlauer Berg in Berlin gibt es einen Friseur, der, ich habe es mit eigenen Augen gesehen, mit folgendem wirbt: Bei ihm gibt es den „homemade quality haircut“! Ich weiß nicht genau, wer von euch Jungs mit einem Qualitäts-Topfschnitt nach Hausmacherart brillieren möchte, aber es sieht hinterher garantiert weder nach Leistungssteigerung noch nach Tuning aus, das ist mal sicher.