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Klarer Fall von falsch gedacht

Also um mit dem Wichtigsten zu beginnen: Ich habe gute Neuigkeiten! So, wie sich das für eine erste Kolumne im Neuen Jahr gehört. Aber dazu muss ich erst ein bisschen ausholen.
Gefühlt wird ja gerade alles schlechter: Man hat den Eindruck, die Welt ist in einem gruseligen Aufruhr, alles geht drunter und drüber und Pep Guardiola nach England, wo Klopp ja schon ist, David Bowie ist tot und man selbst sieht auch nicht mehr so gut aus, eine Katastrophe jagt die nächste und die Menschheit (das sind all die, die man selbst und der eigene enge Kreis nicht ist) ist sowieso in einem hoffnungslosen Zustand - entweder verrückt oder kriminell oder beides und wenn nicht das, dann immerhin nicht einmal mehr zu einer Feld-Wald- und Wiesenfreundlichkeit in der Lage, wie sie früher angeblich doch mal ganz selbstverständlich war.
Über diesen letzten Verlust, den der einfachen Freundlichkeit und Höflichkeit, der mir persönlich ehrlich gestanden noch gar nicht so aufgefallen war, ich hab da wahrscheinlich ein geradezu unverschämtes Glück mit meinen absichtlichen und zufälligen persönlichen Kontakten, und in den asozialen Medien bin ich nicht unterwegs, hat mich die Kabarettistin Monika Gruber aufgeklärt, die in ihrer Bühnenshow, die ich zwischen den Jahren im Fernsehen gesehen habe, wiederholt und völlig zu Recht von sich behauptet, überhaupt nicht lustig zu sein. Sie beklagte sich da sehr, dass die Leute einfach nicht mehr normal nett, höflich und anständig seien und gleich immer so wahnsinnig aggressiv reagierten. Ein paar maue Pointen weiter erzählte sie, unter Volldampf stehend und quasi mit Schaum vor dem Mund, wie sie irgendeine arme Sau aber sowas von zusammengeschissen hat, nur weil die das Pech hatte, auf hochdeutsch etwas zu sagen, was Frau Grubers Contenance abträglich war. Merkwürdigerweise fand ihr Publikum aus dem Münchner Zirkus Krone das zum Brüllen komisch. Ich fand es auch komisch, aber eher anders, mir fiel da nur ein altes Sprichwort ein, das irgendwas mit aus dem Wald heraus schallen wie man hineinruft zu tun hatte. Kurios dazu passend das Ergebnis einer Umfrage, wonach sich 93 % der Deutschen mehr Manieren und Höflichkeit wünschen - aber offenbar immer nur von den anderen…

Dabei kann ich Frau Gruber, die in dieser Show auch mit Schmackes erklärte, sie habe nichts gegen die Preußen, sie könne sie nur nicht leiden (brüllendes Gelächter aus dem Publikum), zumindest diese eine, so differenzierte Einstellung durchaus nachfühlen: Ich habe auch nichts gegen die Bayern, ich kann sie nur nicht leiden, jedenfalls in der Seehofer/Söder/Stoiber/CSU- Variante. Wenn jetzt jemand lachen will, bitte! Wer? Wo? Na gut, dann halt nicht!

Aber wenigstens ein Lächeln könnten Sie sich abringen, das hebt nämlich gleich phänomenal die Stimmung - immerhin haben Psychologen herausgefunden, dass selbst ein noch so aufgesetztes Lächeln für das innere Wohlbefinden besser ist als eine garantiert authentische Leichenbittermiene. Für die auch gar kein Grund besteht, denn jetzt komme ich endlich zu meinen guten Neuigkeiten:
Der Zustand der Welt kommt uns lediglich schlimmer vor als er tatsächlich ist! Es gibt ihn, den Fortschritt! Stand in der Zeitung!
Wir erkennen ihn nur meistens nicht, weil wir nicht gewohnt sind, uns den Tatsachen mit quantitativen Analysen objektiver Daten zu stellen. Stattdessen unser zwar von vielen geteiltes, aber dennoch rein subjektives Bauchgefühl angesichts zugegebenermaßen vieler schlechter Nachrichten für das non plus ultra menschlicher Erkenntnis halten. Die schlechten Nachrichten trüben unsere Wahrnehmung und verdunkeln unsere Stimmung - das liegt in ihrer Natur.
Dass sie uns auch blind machen für das Erreichte, sei nicht nur bedauerlich, es sei auch schädlich für den weiteren Fortgang der Entwicklung - denn wer glaube, es werde sowieso nur alles schlimmer und schlimmer, der habe auch keine Motivation mehr, etwas zur Verbesserung der Lage zu unternehmen, der wolle sich im schlechtesten Fall einfach nur noch eine möglichst dicke Scheibe des Kuchens abschneiden und Party machen, bis eh alles den Bach runtergeht. Gesagt hat das der Kognitionsforscher an der Harvard Universität Steven Pinker, und gelesen habe ich es am 11. Januar 2016 in der „Süddeutschen“.

Um Sie vollends zu überzeugen, zitiere ich hier aus seinem Beitrag eine kleine Aufzählung von Sachen, die er als „Fortschritt“ bezeichnet:

  • es gibt Datensätze, die zeigen, dass Mord, Totschlag und Tod durch Krieg, anteilig bemessen in der Geschichte immer weniger wurden
  • der Wohlstand der Welt ist gewachsen
  • auf dem gesamten Globus leben die Menschen länger und gesünder (nicht nur in der sogenannten entwickelten Welt)
  • ansteckende und parasitäre Krankheiten werden weniger
  • es gehen mehr Kinder zur Schule und lernen schreiben und lesen
  • extreme Armut ist weltweit von 85% auf 10% gesunken
  • trotz örtlicher Rückschläge wird die Welt demokratischer
  • Frauen sind besser ausgebildet, heiraten später, verdienen mehr und haben mehr Positionen, die mit Macht und Einfluss verbunden sind
  • seit Beginn der Aufzeichnungen darüber, sind Verbrechen, die aus Rassismus und Hass begangen werden, zurückgegangen. (Toi Toi Toi, sage ich da mal angesichts der neuesten deutschen Vorkommnisse. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass dieser Punkt nicht doch noch von der Liste muss, einfach weil Pinker die Vorgänge in Dresden, Leipzig, Köln und anderswo noch nicht kannte.)
  • Angeblich, und das ist der letzte Punkt auf Pinkers Liste, wird die Welt sogar klüger, denn in jedem Land sei der IQ um drei Prozentpunkte pro Jahrzehnt gewachsen.

Tja nun, oder auch wahlweise Au Weia! Ich glaube ja gern und viel, auch wenn ich mir verwundert die Augen reibe, aber, bei aller Liebe -  dass die Menschheit klüger geworden ist - da glaube ich noch eher, irgendeinen Glauben muss der Mensch ja haben, ich hätte gern einen zweiten Whisky.
Ich kann nur vermuten, dass die Geschichte mit dem IQ schwer überschätzt wird. Für klüger geworden würde ich die Menschheit dann halten, wenn sie - und damit meine ich alle Menschen, also auch solche Wissenschaftler wie Steven Pinker - den sogenannten Fortschritt nicht mehr allein aus der arg beschränkten anthropozentrischen Sicht betrachten würde, sondern Wohl und Wehe der Tiere und unserer Umwelt mit in ihre quantitativen Datenanalysen einbezöge. Aber da sieht es ziemlich duster aus.
Womit wir wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen wären - manchmal, fürchte ich, geht doch nichts über Bauchgefühl. Tut mir ehrlich leid, Leute, vielleicht klappt es ja nächstes Mal besser mit den guten Nachrichten.