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Werte, Werte…warten Sie mal, da war doch was?

Nein, ich meine nicht die Abgase - obwohl es ganz schön stinkt. Werte? Kennen Sie die noch? Seit Werte eigentlich nur noch als eine Lachnummer in sogenannten Compliance-Vereinbarungen der Konzerne, die uns so gern betrügen, auftauchen, ist ihr Wert - also diese Doppelung tut mir jetzt auch leid, aber ich weiß gerade nicht, wie ich sie verhindern soll -  ziemlich in den Keller gerauscht. Aber die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch mit Wehmut daran, dass es Zeiten gab, in denen sich nicht alles um Geld drehte. Muss so im frühen Pleistozän gewesen sein. Und für die Jüngeren gebe ich gern eine kurze, aber prägnante Erklärung: Innere Werte, liebe Kinder, sind das, was eine Persönlichkeit, falls dann noch eine da ist, ausmacht, wenn man all das Geld, die Villen, die Yachten und die Kunstsammlungen abzieht. Solche Werte können zum Beispiel sein: Großmut, Güte, und Vorsicht, jetzt wird es ganz altmodisch, Barmherzigkeit.

Soll man nun Großmut, Güte und Barmherzigkeit entwickeln gegenüber all diesen armen Multimillionären und -Milliardären, die ihren ohnehin schon (zu) großen Haufen nach Panama setzen, damit der Teufel Offshore nochmal tüchtig draufscheißen kann? Harald Martenstein scheint in seiner Kolumne im „Zeit - Magazin“ Nr. 18 vom 21. April so eine Haltung einzunehmen und sie auch anderen zu empfehlen. Die armen Leuten hätten schließlich nichts Illegales getan, sondern nur - wie wir das ja (angeblich) alle wollten - Steuern gespart. All den Journalisten, die da „Skandal“ schreien, empfiehlt er, sich mal zu überlegen, ob sie noch nie ein privates Essen als dienstliches abgerechnet hätten. Also, so der Schluss, den der Leser wohl ziehen soll, sind sie doch genau solche Schweine wie die, die Steuern in Millionenhöhe hinterziehen und sollen mal schön in sich gehen, statt sich zu empören.

Nee, nee, nee, ich kann mich dieser Argumentation nicht anschließen. Geld hat, das ist sein großer Nachteil für die, die keins haben und sein großer Vorteil für die, die welches haben, eine berechenbare Komponente - das macht seinen „inneren Wert“ aus. Und so kann man auch berechnen, dass der Schaden, der einer Volkswirtschaft entsteht, wenn jemand ein Essen, ja selbst wenn viele Menschen ein Essen nicht ordentlich versteuern, sehr, sehr, sehr gering ist, während der Schaden, der einer Volkswirtschaft entsteht, wenn viele Firmen und Superreiche zusammengenommen Steuern in Milliardenhöhe hinterziehen, sehr, sehr, sehr groß ist. Das macht in meinen Augen schon einen Unterschied, und zwar einen, der auch moralischer Natur ist. In unserer Verfassung steht nämlich der schöne Grundsatz „Eigentum verpflichtet“. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass, wer nichts besitzt, auch zu nichts verpflichtet ist. Immer schön das Essen ordentlich versteuern, gell! Aber wer besitzt ist ohnehin schon so privilegiert, dass er seine Privilegien nicht auch noch dazu benutzen sollte, diejenigen, die vergleichsweise nichts besitzen, zu übervorteilen. Und das tut derjenige, der Steuern in großem Stil hinterzieht, gleich in mehrfacher Hinsicht. 

Die Firmen und die Superreichen, die so etwas machen, nutzen nämlich einerseits Möglichkeiten aus, die Normalverdiener überhaupt gar nicht erst besitzen. Und zweitens werden die Normalverdiener dadurch gleich ein zweites Mal übervorteilt, weil sie proportional zu ihrem Einkommen ohnehin schon einen weit höheren Anteil an den Staatsausgaben tragen, die schließlich uns allen, die wir in einem Land leben und arbeiten, zugute kommen. Relativ zu seinem Einkommen trägt der Normalverdiener eine weit höhere Last daran, dass wir in einem sicheren Land mit einer guten Infrastruktur leben und unsere Kinder auf gute Schulen und Universitäten schicken können. Sich auf krummen Wegen der Verpflichtung zu entziehen, das, was uns allen nützt, zu schaffen und zu erhalten, mag laut unseren Gesetzen nicht illegal sein - legitim ist es aber dadurch noch lange nicht! 

Und in dem Zusammenhang muss es auch erlaubt sein, zu fragen, was das eigentlich für Politiker sind, die Gesetze machen, die es einer Firma erlauben, eine Kassiererin wegen eines Pfennigbetrages fristlos zu entlassen - oder, wie in Konstanz geschehen, eine Altenpflegerin hinauszuwerfen, weil sie zwei Maultaschen, statt sie vorschriftsmäßig in den Abfall zu werfen, in ihre eigene Tasche steckte, um sie zu Hause zu verzehren -  die aber andererseits offenbar keine Handhabe gefunden haben, wirksam gegen die Diebe vorzugehen, die uns alle in großem Stil bestehlen.

Ja, die Welt ist schlecht und noch immer geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr - naja, Sie wissen schon. Aber es gibt noch eine andere Seite der Briefkastenfirmen in Steueroasen. Es sieht so aus, als sei nicht nur der von manchen zu Unrecht gehasste Fiskus der Anlass, sein Geld und seine sonstigenWertsachen zu verstecken. Nein, und das finde ich ehrlich gestanden schon ein bisschen zum Lachen, so mancher Oligarch hat Angst, zusätzlich auch noch von der doch einstmals heiß geliebten Ehefrau ausgeraubt zu werden. Tja, so eine Ehefrau, und offenbar ganz besonders eine russische, die hat’s in sich. Kennen Sie den? Ein russischer Ehemann wird gefragt: „Was machst du, wenn ein Bär deine Frau angreift?“ Er antwortet: „ Was ich da mache? Da mache ich gar nichts! Er hat doch angefangen, soll er auch sehen, wie er klar kommt.“ 

Man könnte direkt Mitleid mit den armen Oligarchen haben! Wobei ich nun keinesfalls andeuten will, dass nur russische Ehefrauen den Hals nicht vollkriegen - es scheint ein übernationales Phänomen zu sein, das die Zeiten überdauert. Wie sagte schon die notorische Wallis Simpson seinerzeit mit überwältigender Schlichtheit: „Eine Frau kann gar nicht reich oder dünn genug sein!“ Und ließ sich mit Juwelen überhäufen…

Aber für uns anderen, nous autres pauvres diables, bleiben immerhin (neben unserer höheren Bildung, versteht sich) noch Großmut, Güte und Barmherzigkeit - die sind ja auch, im Gegensatz zu noch so viel Geld, unendlich. Da können wir aus einer Fülle schöpfen, die sich selbst ein Dagobert Duck nicht im Traum hätte vorstellen können. Die haben wir  aber auch nötig, wenn wir täglich die Zeitung lesen - mit und ohne Panama Papers. 

Und das bisschen Empörung, lieber Herr Martenstein, ich finde, das sollten wir uns durchaus erhalten! Empörung ist ja nicht per se schlecht, es kommt immer darauf an, wogegen sie sich richtet. Sich gegen Ungerechtigkeit, miese Tricks und faule Geschäfte zu empören, scheint mir doch schon mal ein guter Schritt in die richtige Richtung zu sein.