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Der Kopf ist rund, damit die Gedanken die Richtung wechseln können (Francis Picabia)

Die Fußballeuropameisterschaft ist zwar längst kalter Kaffee, aber ich muss doch noch mal auf Island zu sprechen kommen. Dieses kleine Land, das ohnehin jährlich ein Vielfaches an Touristen bewältigen muss, als es Einwohner besitzt, wird wahrscheinlich nach dem wundervollen Auftritt seiner Fußballmannschaft als Reiseziel noch mal beliebter werden. Das vermutete auch ein Radiomoderator, der darüber sprach, dass dieser Ansturm für die Insel aber nicht nur Erfreuliches bedeutet. Neben all dem Guten, das der Tourismus für die Bevölkerung mit sich bringe, so sagte er nämlich, mehr oder weniger wörtlich: „Die Touristen sorgen allerdings auch dafür, dass es immer weniger bezahlbaren Wohnraum für die Isländer selbst gibt, denn die Touristen treiben die Mietpreise in die Höhe.“ So etwas Ähnliches hört und liest man ja immer wieder: Es sind die Touristen, die alles mögliche in die Höhe treiben: Die Mieten, die Immobilienpreise, die Restaurantkosten.

Haben die Touristen in den Ferien nichts besseres zu tun? Da kommt also der Feld-, Wald- und Wiesentourist aus, sagen wir mal London, Zürich oder Wanne-Eickel nach Island und spricht zum Eigentümer seiner Unterkunft: „Guter Mann, das ist ja viel zu billig, was Sie hier an Miete verlangen. Also bei uns zu Hause ist der Quadratmeter aber erheblich teurer! Da können Sie locker noch mal ‘ne schöne Schippe drauflegen!“ Der isländische Hausbesitzer streicht sich nachdenklich über den Wikingerbart und brummt dann: „Na gut, wenn die Touristen das so haben wollen! Dann verlange ich ab jetzt also mehr.“ Was tut man nicht alles, damit der fremde Gast sich wohl fühlt. Gibt man sich halt einen Ruck und macht alles teurer.

So ähnlich läuft das übrigens auch bei anderen Sachen ab. Der Verbraucher ist zum Beispiel verantwortlich für die grausamen Foltermethoden der Massentierhaltung. Die Industrie kann da gar nichts dafür. Es ist der Verbraucher „der alles immer billiger haben will“. Der Verbraucher, das Schwein, sorgt dafür, dass die armen Schweine (und die Rinder, die Kälber und alles Geflügel) unvorstellbar gequält werden, denn „der Verbraucher will es so“ und dann müssen die Industriebauern halt folgen. Die armen Kerle können leider nichts dafür - Marktmacht, Sie verstehen schon.

Es sind auch die Verbraucher, die hingehen und zu den Textilherstellern mit drohender Stimme und ganz, ganz bösen Blicken sagen: „Jetzt wird die Billignäherin irgendwo dahinten in Asien aber mal ordentlich ausgebeutet. Ich will es so und das ist mein letztes Wort!“

Naja, weitere Beispiele erspare ich Ihnen, ist eh klar, worauf ich hinaus will, oder? Leute, lasst die Verantwortlichkeiten mal da, wo sie hingehören! Es ist doch ein klarer Fall von falsch gedacht, wenn man behauptet, es sei der Tourist, der die Mietpreise im Urlaubsland in die Höhe treibt. Ich verrate jetzt mal ein streng gehütetes Geheimnis: Es ist der Hausbesitzer!  Es ist der Hausbesitzer, der nicht genug kriegen kann. Den Kerl gibt es übrigens nicht nur in Island. Der treibt auch in allen europäischen Städten sein Unwesen, weshalb den netten kleinen Läden nur die Schließung übrig bleibt. Die Mietpreise, die die Hauseigentümer mit ganz, ganz bedauerndem Augenaufschlag einstreichen, können sich nämlich nur noch große Ketten leisten, weshalb alle Städte gleich aussehen.

Es ist der Eigentümer der Tiere, der so viel Profit wie möglich aus ihnen herauspressen will, der die  armen Viecher quält, es ist die Textilkette, die ihren Profit auf Teufel komm raus maximieren will, die nicht hinschaut, was ihre asiatischen Subunternehmer an Verbrechen begehen. Und industrielle Tierhaltung oder Massenproduktion von Kleidern, das sind auch keine anonymen Entitäten - das sind Menschen, die Entscheidungen treffen!

Uns Verbrauchern wird immer wieder nahegelegt, uns verantwortlich zu verhalten, nicht beim Billigheimer einzukaufen, sondern auf Nachhaltigkeit, Fairness und Qualität zu achten. Das ist vollkommen in Ordnung, das finde ich auch. Aber ich hätte gern, bitte schön, auch verantwortliches Handeln von denen, die mir ihre Waren verkaufen wollen. Einfach nur seine Hände in Unschuld zu waschen und zu behaupten, dass „der Markt“ das alles erfordere, ist der Versuch, uns für dumm zu verkaufen. Ich will, dass jetzt mal Schluss ist mit dem Denkfehler, der, der kauft, habe die alleinige Verantwortung. In einem anderen Kontext gilt das ja auch nicht: Es ist der Drogendealer, der verurteilt wird, den einfachen „User“ lässt man laufen. So wie der Drogendealer hat jeder, der anbietet, die Verantwortung für seine Ware. Sei er nun Hausbesitzer, Tierhalter, Kleiderhändler oder was auch immer. Wenn Sie Ihr altes Auto weiterverkaufen wollen und dabei schummeln, können Sie hinterher auch nicht hingehen und mit frommer Miene zum arglosen Käufer sagen: „Aber Sie wollten doch unbedingt ein Auto haben, das fast nichts kostet!“ Und was beim Amateur-Gebrauchtwagenhandel billig ist, sollte beim professionellen Handel Recht sein.

„Der Konsument ist das Problem!“  - so ein Zitat, das ich neulich las. Mag sein - kann man so sehen. Aber er ist definitiv nicht das einzige Problem!

Ich finde, wir Verbraucher haben ein Recht darauf, verantwortliches Verhalten auch von jenen einzufordern, die so gern an uns verdienen wollen. Verantwortlich als Mensch ist man nämlich nicht nur in seiner Funktion als Verbraucher, sondern auch in seiner Funktion als Eigentümer, Unternehmer, Händler. Und wenn die Isländer wieder zu vernünftigen Preisen wohnen wollen, müssen sie ihre Hausbesitzer an den Hammelbeinen ziehen, zum Thor noch mal!