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Alte Freunde, Tschaikowskys Fünfte und Brangelina

Mögen Sie klassische Musik? Ich liebe klassische Musik - also, so im Großen und Ganzen. Ich liebe es auch, Gäste zu haben, ebenfalls so im Großen und Ganzen. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass manchmal zwischen beiden erstaunliche Parallelen existieren? Da gibt es zum Beispiel wunderbare Musikstücke, die sind berührend, mitreißend, unterhaltsam, man mag sie wirklich - und dann hören und hören sie nicht auf. Immer wieder denkt man „So, und das ist jetzt der Schluss!“ Und dann gibt es noch eine Schleife, noch eine Coda, noch eine Verzierung, das Orchester nimmt einen neuen Anlauf, um zum Ende zu kommen - denkt man, aber dann war es doch nur der Beginn zu einer weiteren Runde. 

Manche Gäste erinnern in dieser Hinsicht auffallend an, sagen wir mal Tschaikowskys 5. Symphonie. Sie kündigen ihren Aufbruch an: „Was, schon so spät? Jetzt müssen wir aber wirklich gehen!“ um dann seelenruhig eine weitere dreiviertel Stunde sitzen zu bleiben, weil es ja doch noch viel zu sagen gibt. Nicht nur, dass die Weltlage erschöpfend analysiert, Donald Trump zerpflückt und das Problem mit den gewalttätigen Neonazis („die sollte man alle nach Nordkorea exportieren“), sowie das Elend mit Schalke ein für alle Mal gelöst wird. Danach kommt noch das wirklich Wichtige: „Habt Ihr eigentlich mitgekriegt, dass Klaus und Carolina sich scheiden lassen?“ Da man selbst schon finsterste Verdachtsmomente bezüglich Carolinas Treue im Besonderen und Klaus Eignung zum Ehemann im Allgemeinen hegte, kann man sich für das Thema außerordentlich erwärmen. Außerdem hat die Wissenschaft gerade nachgewiesen, dass da kein Arg an Klatsch und Tratsch ist. Im Gegenteil: Was für die Affen die Fellpflege, ist für den modernen Primaten der Austausch von tatsächlichen oder vermeintlichen oder aber mindestens vermuteten Nachrichten, die einen nichts angehen, weil sie das Privatleben anderer Menschen betreffen. Gerade darum sind sie ja so schön! 

Klatsch und Tratsch steigern das Wohlbefinden und fördern den Zusammenhalt der sozialen Gruppe - sagt die Wissenschaft! Also wenigstens solange, bis den Protagonisten vertraulicher Neuigkeiten zu Ohren kommt, wer wie und was über sie tratscht. Das stört den sozialen Zusammenhang manchmal ganz empfindlich. Aber das nur am Rande. Wie finden Sie eigentlich, dass Brangelina… also ich persönlich habe da ja seit Jahren nicht daran geglaubt, dass die wirklich dieses Traumpaar sind, wie immer kolportiert wurde. Nicht, seit ich damals in der Zeitung gelesen habe, dass Angelina ihre Zwillinge per künstlicher Befruchtung empfangen hat, weil sie, so die Begründung (die in der Zeitung stand!) : „Sich nicht der Mühe unterziehen wollte, auf natürlichem Weg schwanger zu werden.“ Also, das sagt doch schon einiges, oder? Brad muss ja echt der Hit im Bett sein… Dafür hat die Ehe dann doch ganz schön lang gehalten. Aber eigentlich wollte ich ja nicht tratschen, sondern auf den Wert wahrer Freundschaft eingehen. 

Nachdem die oben erwähnten Gäste noch zwei weitere Male ihre Absicht  deklarierten, nun gehen zu wollen und man eigentlich schon gar nicht mehr daran glaubt, stehen sie, zu aller Überraschung, tatsächlich auf. Als höflicher Gastgeber bemüht man sich, nicht allzu begeistert vom Sofa aufzuspringen, aber man hat sich sowieso zu früh gefreut. Denn jetzt wird noch etwas „Also, das muss ich euch noch erzählen! Das werdet ihr nicht glauben!“ zum Besten gegeben, das, man sieht es ein, wahrhaftig keinen Aufschub duldete. Um nichts in der Welt hätte man missen wollen zu erfahren, wie die Ex-Schwiegermutter des Freundes der Arbeitskollegin (die man, nebenbei gesagt, alle nicht kennt)… naja irgendwas gemacht hat, das sicherlich sensationell war. Man steht nun also neben dem Sofa, die Beine werden schwer, aber sich wieder hinzusetzen traut man sich auch nicht, das könnte ja nicht wieder gutzumachende Folgen nach sich ziehen. Ganz unauffällig versucht man, sich in Richtung Wohnungstür zu bewegen. Mit etwas Geschick bugsiert man die Gäste schließlich dorthin. Endlich angekommen, muss man sich schwer beherrschen, die Tür nicht einfach aufzureißen. 

Aber das geht gar nicht. Denn jetzt erfolgt das eigentliche Abschiedsszenario. Das offizielle Bundeszeremoniell zur Verabschiedung eines wieder nach Hause reisenden Staatsoberhauptes ist a) ein Klacks dagegen. und geht b) bedeutend schneller. Man kriegt die verdammte Tür einfach nicht auf, es plaudert sich auch zu nett im engen Flur. Als es schließlich doch noch so weit ist, ist man nicht nur am Rande der Geduld, sondern auch der Erschöpfung, und hat gerade noch so viel Kraft, den Scheidenden auf der Treppe nachzuhauchen: „War nett mit euch, kommt doch bald mal wieder!“ Und weil es gute alte Freunde sind und man sie wirklich gern mag, lädt man sie vier Wochen später wieder ein. Alte Freunde sind eben durch nichts zu ersetzen! Außerdem muss man schließlich erfahren, wie das mit Carolina und Klaus weitergegangen ist.