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Wäre es denn besser, wenn man es anders gemacht hätte?

Wir wissen es schon lange: An manchen Tagen ist das Leben kein erfülltes, und wo ein Wille ist, ist  leider mitnichten ein Weg, sondern ein dorniges Gebüsch. Was man gern anders gemacht hätte, weiß man jetzt, wo es zu spät ist, genau, man weiß aber immer noch nicht, weshalb Peer Steinbrück das mit dem kryptischen „Hätte, hätte, Fahrradkette“ kommentiert hat. Was, zum Teufel, hat die Fahrradkette damit zu tun? Meine Großmutter mütterlicherseits, die nicht hanseatisch vornehm, sondern erdverbunden kurpfälzisch war, pflegte sich in solchen Momenten weit drastischer auszudrücken: „Hajo, hätt de Hund net gschisse, hätt er de Has noch verwitscht!“ Was sie damit sagen wollte: „Vergebens, oh Mensch, ist dein Begehr, die Realität irgend anders haben zu wollen, als sie nun einmal ist!“ Und wo sie Recht hat, hat sie Recht! 

Aber schauen wir uns doch zum Trost einfach mal an, was passiert wäre, wenn der Hund nicht geschissen hätte: Er hätte womöglich einen Darmverschluss gekriegt, einhergehend mit entsetzlichen Bauchschmerzen und einem frühen, qualvollen Tod! Noch im Sterben wäre womöglich sein letzter Gedanke gewesen: „Oh, hätte ich mir doch die so dringende wie nötige Erleichterung verschafft!“ Auch hier wieder jenes verhängnisvolle „Hätte“, das auch dann nicht zu Nutz und Frommen taugt, wenn man es mit dem letzten Schnaufer aushaucht.  Da er aber Gottseidank getan hat, was getan werden musste, ward nicht nur der Hase gerettet, sondern letztlich auch der Hund - sollte uns das nicht zu denken geben? 

„Hätte ich doch nur!“ - Das ist an Vergeblichkeit kaum zu überbieten - trotzdem macht man sich damit das Leben nur allzu gern noch schwerer, als es eh schon ist. Also, falls es schwer ist - aber wer gibt heutzutage schon freiwillig zu, dass er ein Luxusleben führt, verglichen damit die Existenz einer Made im Speck kümmerlich zu nennen ist. Selbst die einst so fidelen Studenten klagen neuerdings über Stress, Stress, Stress - las ich gerade in der Zeitung. Aber sei’s drum, wir wollen jetzt mal nicht kleinlich sein und es einfach im Raum stehen lassen - unser Leben ist Mühsal, wenigstens an jenen schon eingangs zitierten Tagen, und wenn man dann noch so ein „Hätte, hätte“ von der Schwere gefühlter hundert Fahrradketten draufpackt, fühlt man sich halt wie gerädert.

Ist es da nicht viel besser, sich auszumalen, wovor einen das gnädige Schicksal - falls man geneigt ist, an die Existenz eines solchen zu glauben - bewahrt hat, weil man die vermeintlich falsche Entscheidung getroffen hat? Denn wer weiß schließlich tatsächlich, wie es ausgegangen wäre, wenn ich dieses statt jenes Jobangebot angenommen hätte, diesen statt jenen Menschen geheiratet hätte, was gesagt hätte, statt den Mund zu halten, den Mund gehalten hätte, statt was zu sagen? Wobei, dieser kurze Einschub muss jetzt sein, meiner persönlichen Erfahrung nach gegen das Mundhalten seltener etwas einzuwenden ist als gegen das Maulaufreißen. Ach hätte das doch Donald Trump jemand gesagt!

Aber um nochmal auf die in der Überschrift gestellte Frage zurückzukommen: Ja, manchmal wäre es besser gewesen, wenn man es anders gemacht hätte - definitiv! Dann muss man aber halt nicht anheben zu jammern, sondern kühn die Situation analysieren, um etwas daraus zu lernen. Also zum Beispiel so, wie Jogi Löw das gemacht hat, der nach eingehender Analyse der verlorenen Europameisterschaft zu der wahrhaft meisterlichen Erkenntnis kam, dass die deutsche Mannschaft, bei hervorragender Spielleistung und högschd befriedigendem Ballbesitz, einfach zu wenig Tore geschossen hat. Also, so das Fazit, hätte die Mannschaft mehr Tore geschossen, hätte sie vermutlich gewonnen. Aber verfiel er deshalb in das jammerige „Hätte, hätte“? Niemals! Nicht unser Jogi! Er verdonnerte die Mannschaft dazu, mehr Tore zu schießen - und was soll man sagen? Es hat geklappt. Neun Punkte und acht Tore in drei Qualifikationsspielen - da kann man nicht meckern. Deshalb mein Tipp, wenn Sie mal wieder in die Verlegenheit kommen, dass Ihnen klar wird, dass das jetzt, um einen anderen prominenten SPDler zu bemühen, suboptimal war, was Sie gemacht, gesagt oder entschieden haben: Klagen Sie nicht! Sondern sagen Sie sich entweder, dass das möglicherweise unter die Kategorie „blessing in disguise“ fällt, oder ändern Sie was.

Hätte man das jetzt auch weniger streng sagen können? Ja! Also nochmal: Vergeben Sie sich tatsächliche oder vermeintliche Fehler, stellen Sie keine Perfektionsansprüche an sich selbst, hadern Sie nicht mit Ihren Entscheidungen und trauen Sie sich zu, dass Sie aus jeder Situation noch was Gescheites machen können, vielleicht nicht das Optimale, aber doch immerhin so, dass Sie sich damit durchwursteln können. Seien wir ehrlich: Letzten Endes ist es doch genau das, was wir das ganze Leben lang machen - wir wursteln uns irgendwie durch. Und um diesen Beitrag zu beenden wie er begonnen wurde, frage ich Sie, gibt es was Besseres?