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Eine alte chinesische Geschichte

Der Mensch strebt nach Anerkennung - dagegen ist im Prinzip ja nichts einzuwenden. Nimmt nur manchmal komische Formen an. So habe ich kürzlich in einer politischen Analyse der türkischen Verhältnisse im Allgemeinen und der Akzeptanz, die Erdogan bei der eher rückständigen ländlichen Bevölkerung Ost-Anatoliens im Besonderen genießt, gelesen, dass sie ihn dort deshalb so schätzen „weil er aus ihnen wieder jemanden gemacht hat“. Ihre Rückständigkeit wurde plötzlich vermeintlich wertgeschätzt. Donald Trump hat seinen Erfolg mit dem Slogan „Make America great again“ eingefahren und zwar offenbar hauptsächlich bei denjenigen, die sich abgehängt fühlen und häufig (und arroganterweise) als „white trash“ bezeichnet werden. Sie wollen auch wieder „wer sein“. Die gewaltbereiten und gewalttätigen Neonazis bei uns fangen die meisten Anhänger in ihre Falle, so behaupten es die Zeitungen, bei denjenigen, die sich für die Verlierer halten - und die nun endlich auch einmal „wer sein“ wollen. Bloß dass es halt so nicht geht - und dass zu befürchten steht, dass sie am Ende erst recht als die Gelackmeierten und diejenigen dastehen, die am meisten verloren haben.

Was wäre es schön, wenn jeder Mensch, ganz ohne Großmanns-Gebrüll und ohne andere dafür niedermachen zu müssen, wüsste, dass er wertvoll und etwas Besonderes ist! Ich bin naiv, ich weiß - aber ich erzähle diese alte Geschichte jetzt trotzdem. Vielleicht weil Weihnachten kommt, oder weil ich übers Netz so schlecht einen herzerwärmenden Glühwein für Sie ausgeben kann oder ach, was weiß ich, warum...

Es war einmal ein kleiner, unbedeutender Steinmetz, der war mit sich und seinem Leben unzufrieden. Wer war er schon? Als er eines Tages am Haus eines reichen Kaufmanns vorbeikam, sah er durch die offene Tür viele wertvolle Besitztümer und illustre, vornehme Gäste. Da wurde der Steinmetz ganz neidisch und dachte: „Wie mächtig dieser Kaufmann sein muss! Ich wünschte, ich wäre er - dann wäre ich auch endlich bedeutend!“

Zu seiner größten Überraschung ging sein Wunsch augenblicklich in Erfüllung. Er lebte von einer Sekunde auf die andere in mehr Macht und Luxus, als er sich je hatte vorstellen können - und nur die Armen beneideten oder verachteten ihn, während er auf sie herabblickte.
Bald darauf wurde ein sehr hoher Beamter in einer Sänfte vorbeigetragen, eskortiert von Soldaten, und ausnahmslos jeder, sei er auch noch so reich, musste sich vor diesem Würdenträger tief, tief verbeugen. Neidisch dachte unser Held: „Wie mächtig dieser Mann ist! Ich wünschte, ich wäre er, dann müsste sich jeder vor mir bücken!“

Und schon ging sein Wunsch in Erfüllung. Er war jetzt ein ranghoher Beamter des Kaisers und wurde in einer Sänfte herumgetragen. Allerdings wurde er von all den Leuten, die sich vor ihm bücken mussten, gefürchtet und gehasst. An einem heißen Sommertag war es ihm in seiner Sänfte zu stickig, er fühlte sich sehr unwohl. Missmutig blickte er zur Sonne auf, die stolz vom Himmel schien und sich überhaupt kein bisschen um sein Behagen scherte.

„Wie mächtig die Sonne ist“, dachte er bei sich, „ich wünschte, ich wäre die Sonne!“
Kaum hatte er das gedacht, brannte er auch schon als Sonne heiß vom Himmel herunter, versengte die Felder und die Bauern und Arbeiter verfluchten ihn. 

Bis sich eine mächtige schwarze Wolke zwischen sie und die Sonne schob. 
„Wie mächtig doch diese Wolke ist,“ dachte der ehemalige Steinmetz, „dass sie die Sonne verdunkeln kann. Ich wünschte, ich wäre eine Sturmwolke!“

Und es geschah wie vorher: Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gebracht, war er auch schon die Wolke - überflutete die Städte, Dörfer und Felder mit seinen Wolkenbrüchen und jeder schimpfte über ihn. Doch nach gar nicht langer Zeit fühlte sich die Wolke von einer starken Kraft weggetrieben. Das war der Wind, der blies die Wolke einfach davon. 

„Wie mächtig der Wind ist! Ich wünschte, ich wäre der Wind!“ so dachte er wieder - und schon im nächsten Moment fegte er die Ziegel von den Hausdächern, entwurzelte Bäume und verbreitete Angst und Schrecken. 

Nach einer Weile merkte er allerdings, dass er gegen etwas anstürmte, dass sich überhaupt nicht rührte - egal, wie mächtig er dagegen blies und rüttelte. Da stand nämlich unbewegt ein hochaufragender Fels. „Wie mächtig ist doch dieser Fels,“ dachte er auf Neue, „ich wünschte, ich wäre der Fels!“

Schon stand er als Fels da und war mächtiger als andere auf der Erde! Aber nachdem er einige Zeit so dagestanden war, hörte er auf einmal den Klang eines Hammers. Er spürte, wie ein Meißel mit dem Hammer in den harten Stein getrieben wurde und auch, wie er sich dadurch veränderte, dass Stücke von ihm abgeschlagen wurden. Verwundert fragte er sich: „Was könnte mächtiger sein als ich, der große Fels?“ Er schaute an sich herab und erblickte tief unter sich die kleine Gestalt eines Steinmetz.