Blog

Die tiefsten Abgründe des Mordens

Seit den deutschen Fernsehmachern im Großen und Ganzen nichts anderes zur Unterhaltung mehr einfällt als Mord und Totschlag, von gelegentlichen Schmonzetten mal abgesehen, die aber gern auch mit einer Leiche im Keller abgerundet sein dürfen, kennt man sich als Durchschnittsbürger bestens aus mit jeder Art von Verbrechen – in der Größenordnung von einer Leiche, das ist dann die jugendfreie Vorabendvariante, bis hin zu Hunderten, die erst ab acht Uhr im Programm erscheinen.

Der geneigte Zuschauer ist über die fiesen Machenschaften von Schleusern, Menschenhändlern und Frauenschändern genauso informiert wie über das skrupellose, menschenverachtende und zynische Vorgehen aller Sorten von Industrien, allen voran die Pharma-Industrie, über deren Gefahren und Nebenwirkungen kein Arzt oder Apotheker aufklären, weil sie, wie wir ebenfalls aus dem Fernsehkrimi wissen, schamlos mitverdienen an den Untaten der Herren mit den weißen Westen, die selbstverständlich meistens auch noch scheinheilige Stützen der Gesellschaft sind und salbungsvolle Worte von sich geben – Politikern darin nicht unähnlich, die ja – im Fernsehkrimi versteht sich – manchmal auch die ganz bösen Buben sind.

Womit wir braven Bürger dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit der Film- und Fernsehschaffenden nun auch sozusagen auf Du und Du sind, das ist das sogenannte Verbrechen aus Leidenschaft. Auch hier gibt es keine Variante, die es nicht gibt. Mann erwürgt untreue Frau, Frau erschlägt untreuen Mann, die Geliebte bringt die doch arg störende Ehefrau um die Ecke, der Stalker erträgt es nicht länger, dass die Angebetete ihm nur Verachtung entgegenbringt und verhäckselt sie zu Blumenerde, einer will sich vom anderen trennen, woraufhin der die Sache zu einer unverhofft endgültigen Lösung bringt, indem er ihn, respektive sie, erst erhängt, dann erschiesst, dann erdrosselt und schließlich ertränkt.

Also, wie jetzt hinlänglich klargeworden sein sollte, auf dem Gebiet des Mordens ist uns Bundesbürgern nichts Menschliches mehr fremd. Nun aber wieder Amerika! Dieses Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist uns – wieder einmal mehr! – einen Schritt voraus. Am Donnerstag, den 23. April konnte man der Süddeutschen Zeitung entnehmen, dass im südlich von Denver gelegenen Colorado Springs laut Polizeibericht ein Mann seinen Computer kaltblütig erschossen hat. Der unbotmäßige Computer sei „störanfällig“ gewesen, gab der Täter als Motiv für seine Tat an – aber ich bitte Sie, wer von uns ist denn nicht störanfällig!  Das kann man als Rechtfertigung doch nicht gelten lassen. Also ich bin schwer störanfällig, wie ich unumwunden zugebe, ja, ich kann im Falle wiederholter Störung richtig grantig werden, und ich möchte mal den Computer sehen, der mir dann, was Vokabular und Lautstärke betrifft, das Wasser reichen kann – aber das nur am Rande.

Ich stelle mir vor, wie der Mann, bei seiner Vernehmung durch ob der Grausamkeit der Tat erschütterte Polizeibeamte, weinend zusammenbrach und den ganzen Ablauf schilderte: Bei ihm sei es schon im Media Markt oder im Apple Store (oder wo man in Amerika halt eine Beziehung zu einem Computer aufnimmt) Liebe auf den ersten Blick gewesen. Und zunächst habe das Gerät sich auch willig mitnehmen lassen. Aber über Monate hinweg sei der Computer zu keiner Einsicht zu bewegen gewesen, was in einer gedeihlichen Partnerschaft von ihm erwartet werde, weshalb der Mann glaubte, dass aus dieser einseitigen Beziehung, hier er, der ewig Verständnisvolle, der sich mit Liebe und Hingabe darum bemühte, aus dem Computer den idealen Lebensgefährten zu machen, da das störrische Teil, das immer nur sein eigenes Vergnügen im Sinn hatte und nie machte, was man von ihm wollte, kein Happy End mehr erwachsen würde. Ob dieser ausweglosen Situation vor Verzweiflung rasend, hat er also den ahnungslosen Computer gepackt, ihn in eine Gasse hinter das Haus geschleift (unter welchem perfiden Vorwand muss noch ermittelt werden, deshalb war das der Zeitungsmeldung nicht zu entnehmen) und dort gnadenlos mit acht Schüssen niedergestreckt!

Ich glaube, den deutschen Fernsehmachern ist dieser Stoff einfach zu heiß! Daran trauen sich die abgebrühtesten Regisseure nicht, dass Millionen von Männern mitansehen müssten, wie ihr Herzliebstes, das, mit dem sie den weitaus größten Teil ihrer Zeit verbringen, das, von dem sie sich nicht trennen könnten und gälte es ihr Leben, dass dieses wunderbare Geschöpf, wehr- und arglos, wie es ist, sozusagen die Unschuld im Gehäuse, kaltblütig dahingemeuchelt wird, nein, bei aller Liebe zum Reißerischen, das wollen, können und dürfen die Regisseure niemandem zumuten! Also keinem empfindsamen Mann. Man darf zarten Männerseelen nicht so zusetzen! Ein Mann, den, nur mal so zum Beispiel, an einer Ferienwohnung nur interessiert, ob sie W-Lan hat, soll mitansehen müssen, wie ein Computer niedergestreckt wird?! Der braucht doch Monate, um sich davon zu erholen! Und man stelle sich vor, solch ein Fernsehkrimi würde den einen oder anderen irregeleiteten Nerd zu einer Wiederholungstat anstacheln. Nicht auszudenken! Der Friedhof der Kuscheltiere wäre eine lauschige Gartenlaube gegen das kalte Grab des Computers.

Vom Computermörder hieß es in der Zeitung noch, der Mensch zeige keinerlei Reue! Pfui, wie tief kann man sinken!