Renate Dehner

KINDER AN DIE MACHT!

Es sah nicht gut aus. Man hatte sich zwar unter beträchtlichen Mühen von einem ungeliebten Regime befreit, aber die Rechtslage danach war unbefriedigend und die Umwelt machte ebenfalls große Schwierigkeiten, Buschbrand, Dürre und so. Die Zukunftsaussichten waren eher düster, fast alle wussten, dass dringend etwas getan werden musste, doch die Meinungen, was das sein sollte, gingen weit auseinander. Es gab zwar ein paar, die die Gefahr leugneten und fest davon überzeugt waren, solange man nur munter weiter um das goldene Kalb tanze, sei alles in Ordnung. Doch die Klügeren wussten, dass das Käse war. Sie wussten jedoch auch, dass ohne Unterstützung von oben nichts gehen würde. Die Handlungsgrundlage für jeden musste allgemein verbindlich sein, sonst würde nichts daraus. Nach längerem Hin und Her, so um die vierzig Jahre, schickten die Leute einen hochrangigen Vertreter los, um mit dem obersten Management zu verhandeln. Es sollte von ganz oben mal Tacheles geredet werden, damit die Missetäter, aber auch die Mitläufer und die Unbedarften, ohne Wenn und Aber, ohne Ausflüchte und Schlupflöcher, wüssten, dass es ein „Weiter so“ nicht geben würde. 

Wie wir alle wissen, kam Moses nach seinem mühsamen Aufstieg auf den Berg Sinai schließlich mit den zehn Geboten wieder runter, die kurz und knapp regelten, wie sich das oberste Management ein gedeihliches Zusammenleben der Bevölkerung vorstellte. Ob Gott der Allmächtige mit seinen Erzengeln als obersten Beratern vorher konferiert hat, oder ob er die Sache allein entschied, ist, soweit ich weiß, nicht überliefert, aber ich denke mal, er hat es allein gemacht. Wenn er die Erzengel als Expertenkommission und als Vertreter der jeweiligen Interessenverbände miteinbezogen hätte, diskutierten die wahrscheinlich heute noch, „im Sinne der Verbraucher“, aber eigentlich, um das Beste für sich selbst rauszuholen. Natürlich immer auch mit dem besorgten Hinweis darauf, dass die Partei Gottes die Mehrheit bei der Bevölkerung verlieren würde, Arbeitsplätze verloren gingen und die individuelle Freiheit das höchste Gut sei. Gott, der schließlich, wie man in archaischen Gesellschaften zu sagen pflegt, auch nicht auf der Brennsuppen daher geschwommen war, und spätestens seit dem himmlischen Rohrbruch damals mit allen Wassern gewaschen war, machte einen Alleingang und sprach insgeheim zu sich: „Ich muss leider zugeben, dass ich, als ich die Menschen erschaffen habe, ein bisschen zu geizig mit der Zuteilung von Vernunft und Mitgefühl war, aber mit ein paar einfachen Gesetzen sollten selbst die klarkommen!“ 

Ich bin jetzt nicht gerade die Bibelfesteste unter den Kolumnisten, aber ich denke, so ähnlich lassen sich die Vorgänge damals zusammenfassen. Dass trotzdem immer noch geklaut und fremdgegangen wird (selbst in streng katholischen Gegenden), lassen wir mal dahingestellt sein. Worauf es mir ankommt, ist etwas anderes: Schon den Jungs aus dem Alten Testament war klar, dass es ohne Gebote und Verbote nicht läuft. Die Freiheit, die wir alle so schätzen, muss sich innerhalb allgemeingültiger Regeln abspielen, die das Recht jedes Einzelnen schützen. Bei uns hingegen wird für mein Gefühl der Freiheitsbegriff gerade reichlich überstrapaziert. Ein allgemeines Tempolimit, für das die Mehrzahl der Bevölkerung, wenn man Umfragen glauben darf, ziemlich viel Sympathie hätte? Nein, sagen seit Jahren unsere diversen dafür zuständigen Autokonzern-Lobbyisten, äh, ich meine Verkehrsminister: „Freie Fahrt für freie Bürger“. Ein Verbot für das Insekten-mörderische Glyphosat und ähnliche Verbrechen, wie es andere Länder ja schon vormachen? Eine Lebensmittel-Ampel, die deutlich machen würde, wie und womit man sich verfettet?  „Tja“, sagt da unsere Nestlé-gnadenreiche Landwirtschaftsministerin: „Hier ist die Freiheit des mündigen Konsumenten gefragt. Kann sich doch jeder selbst entscheiden, was er kauft!“ Entschuldigung, aber wessen Freiheit ist es, dass die Agrar- und die Lebensmittelindustrie uns und unsere Umwelt vergiften darf?

Seit mindestens den biblischen vierzig Jahren, die das Volk Israel brauchte, um aus der ägyptischen Sklaverei auszuwandern und im gelobten Land anzukommen, warnen Wissenschaftler davor, dass wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Bei uns brennt schließlich kein einsamer Dornbusch, es brennen weltweit massenhaft die Wälder. Aber man kann sich lebhaft vorstellen, was damals passiert wäre, wenn Moses, statt auf den Berg Sinai zu kraxeln, ins Kanzleramt entsandt worden wäre. Man hätte ihm vermutlich geduldig zugehört, um dann werbewirksam zu versprechen, dass man die Botschaft verstanden habe und jetzt wirklich tätig werden wolle. Dann hätte man auf einer groß angelegten Presse-Konferenz verkündet, dass man unverzüglich damit begonnen habe, Kommissionen zu bilden, die ebenso unverzüglich damit beginnen würden, Studien in Auftrag zu geben, um danach Konzepte zu erarbeiten. Und dreimal dürfen Sie raten, wer in diesen Kommissionen sitzen würde.

Nein, ich will jetzt nicht die Demokratie abschaffen, nur um das klarzustellen. Obwohl: Meine kleine Enkeltochter gab vor ein paar Jahren als Berufsziel Weltbestimmerin an – wer weiß, vielleicht würde sie die Sache besser deichseln als die, die jetzt an der Macht sind. Und jedenfalls traue ich Greta Thunberg sehr viel mehr zu als zum Beispiel Andreas Scheuer und Julia Klöckner.

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